Heimatblatt 2004 (Auszug)
Die Kinder-Kundgebung in Temeswar
aus den „Memoiren“ von Coloman Müller senior

​​Auf dem ersten Transparent stand geschrieben: „Die armen Kinder der reichen Stadt“. Das Transparent trug auf der einen Seite mein Sohn, auf der anderen der sehr mutige Sohn des Bierbrauerei  Arbeiters Georg König. Als die Kolonne  an die Zapolya-Straße ,die man als Tor zum Zentrum nennen kann, bestand die Gruppe schon von mehreren hundert Kindern. Und wie stolz und glücklich waren sie ! Mit großer Wichtigkeit ermahnten sie sich gegenseitig, die Reihe zu halten.

Es wurde geplant, dass eine Gruppe von fünf größeren Kindern dem Bürgermeister der Stadt eine Bittschrift überreichen sollte, in welcher man die Arbeitszeit in der Stadt so regeln soll, dass man den Kindern von armen Eltern helfen kann. Sie verlangten kostenlose Milch, Organisierung von Tagesheimen für Kinder in jedem Bezirk, kostenlose Ärztebehandlung und Arzneimittel, kostenlose Erholungsheime, u.s.w. Alle diese Forderungen waren auf Transparenten mit Losungen aufgezeichnet und wurden von den Kindern getragen.

Inzwischen war die Kolonne der zwar ärmlich, aber sauber bekleideten Kindern bis zur Zapolya-Straße, fast  festlich, vorgedrungen. Nicht allein ihre Kleidung, sondern auch ihre eingefallenen Gesichter verrieten, dass sie Kinder armer Eltern waren. Vielleicht, weil sie vorher gründlich gewaschen wurden, sah man wie sehr schwach sie waren. Wir sagten niemandem, dass sie nur schwache, magere und blasse Kinder zur Demonstration schicken sollen. Trotzdem, wenn man diese bunte Schar sah, hatte man den Eindruck, dass man absichtlich die bleichen Kinder ausgewählt hatte um die Mitglieder des Stadtrates zu beeindrucken.

Doch es war nicht so. Beeindruckt hatten sie aber den Polizeiquestor, der eine Gruppe mit Gummiknüppel bewaffnete Polizisten schickte, um das Eindringen der Kinder in die Straße zu verhindern. Diesbezüglich wurde von ihnen eine Sperre vor dem Platz errichtet, mit dem Befehl, die Kinder nicht bis zum Platz vordringen zu lassen. Doch die Kinder, die von dieser Maßnahme nichts wussten, gingen langsam, während die von hinten kamen schoben sie nach vorne und diese drückten die Polizisten zur Seite. Das hat ihnen noch gefehlt! Was will diese kleine Bande, die nach Armut roch? Einer der Polizisten, der seine Geduld verlor, schlug auf ein Kind. Als wäre dies ein Zeichen, stürmten alle auf die Kinder, die weinend und klagend davon liefen, während einige auf einander fielen. Eine Gruppe von Kindern lief direkt auf die Straßenbahn zu, und nur die Geistesgegenwart des Schaffners vermied ein großes Unglück. Nur einige Kinder prallten an die Straßenbahn. Einige Herren verfluchten den Schaffner, ein Herr wollte ihn sogar verklagen, weil er sich infolge des plötzlichen Haltens verletzt hatte.

Die Panik wurde von einigen Eltern noch betont (vergrößert), die noch mehr jammerten als ihre Kinder und suchten verzweifelt ihre Kinder, die sie aus den Augen verloren hatten. Ein Junge und ein Mädchen waren von den Polizisten so sehr geschlagen, dass aus ihren Gesichtern viel Blut floss. Als die Eltern, die ihre Kinder suchten, dies sahen, kamen sie noch mehr in Panik. Der Sohn Herrn von König und mein Sohn, wurden an der Schulter getroffen, fielen auf die Erde, ließen das Transparent liegen und liefen davon. Meine Tochter fiel bei der Flucht auf den Boden, verwundete sich am Knie und weinte sehr, als wenn man sie auch geschlagen hätte, während die beiden Jungen, die verwundet waren, sich ruhig verhielten. König hatte Gewissensbisse und  sagte seinem Freund: „Wir durften das Transparent mit den Losungen nicht fallen lassen!“

Die Brutalität der Polizisten dauerte übrigens nur einige Minuten. Vermutlich waren einige die sich schämten die Kinder zu verfolgen, während andere keine Gewissensbisse hatten, die Kinder zu misshandeln. Aber, was ist eigentlich geschehen? Wer hat diese Dummheit befohlen? Der Bürgermeister wusch seine Hände in Unschuld. Er wusste von so einem Befehl nichts. Er hatte nichts gegen einen Besuch der Kinder. Der Präfekt mied eine kategorische Antwort. Hielt es nicht nötig eine Antwort zu geben. Der Polizeichef sagte, er hätte einen Befehl erhalten. Von wo, sagte er, sei unwichtig. Er hat aber der Truppe Befehl gegeben, keine Unzufriedenheit zu provozieren. Dass sie ihre Gummiknüppel benutzt haben, so taten sie es spontan Dank der allzu großen Spannung. Folglich gab den Befehl entweder die Siguranta (Sicherheit)  oder die Armee oder beide. Jedenfalls erhielten wir eine Lektion über die „Menschlichkeit“ der Bourgeoisie. Soweit es mir bekannt ist, war diese die einzige Kinder-Kundgebung im Lande.

Wir wollten nicht noch einmal die körperliche Integrität  unserer Kinder riskieren. Die gewesenen  Politiker der Nationalen Bauernpartei und der Liberalen Partei, die vor Kurzem interniert wurden, sprachen jetzt über Humanität viel mehr, als damals, als sie aktive Politiker waren. Mögen sie ein wenig über die Temeswarer Kinderdemonstration nachdenken, als es ihnen angenehm gewesen wäre, dass die Polizisten ihren Verstand noch mehr verloren hätten, um die  „schmutzigen und immer frechen“ Kinder der Proletarier zu Krüppeln zu schlagen.

Bemerkung:   Die Kinderdemonstration in Temeswar fand im Sommer 1929 oder 1930 statt. Ich suche nach präzisen Daten.  Seine Memoiren schrieb mein Vater auf mein Drängen in der Periode 1954/1957. Er starb zu Hause in Temeswar 1957.

​Deserteur Weißmüller
Auszug aus: „Schwabenstreiche“ (Von Spaßmachern, Spottvögeln und Spitzbuben)
von  Hans Wolfram Hockl, eingesandt von unserem Landsmann Hans Dama aus Wien

Die Ereignisse, die der folgenden Geschichte zugrunde liegen, sind so außergewöhnlich wie die Zeit es war, in der sie sich zutrugen. Der geneigte Leser möge bedenken, dass wir über viele Geschehnisse jener Tage heute von Herzen lachen – damals aber lagen sie uns schwer auf dem Herzen. Meine Geschichte schlägt eines der heitersten Blätter jener düsteren Zeit auf. Etliche Namen habe ich geändert; die Tatsachen jedoch sind getreu wiedergegeben. Den Haftbefehl gegen Johnny Weißmüller, im landesüblichen Gebrauch damals noch Ioan Weißmüller, hatte sich mein Freund Karl Fischer, Lehrer in Freidorf, vom umgänglichen Wachtmeister Turdeanu ausgeborgt und mir gebracht. Ich machte mir eine Abschrift und lernte diesen historischen Haftbefehl im Lauf der Zeit Wort für Wort auswendig, die köstlichen Anmerkungen des Wachtmeisters Turdeanu nicht ausgenommen.

An einem Morgen des unruhigen Frühjahrs 1938 herrschte auf dem Kasernenhof des 5. Jägerregiments in Temeswar, der Hauptstadt des rumänischen Banats, ein außergewöhnlich reges Treiben. Mehrere Reservejahrgänge waren einberufen worden. Schon in der Nacht hatten sich viele Männer und Burschen eingefunden und nun, am frühen Morgen, kamen ständig neue Gruppen hinzu. Kommandorufe, Flüche, Befehle, Pfiffe und Hornsignale peitschten erbarmungslos auf die verwirrten Haufen dieser armseligen, über Nacht ihres bürgerlichen Gleichgewichts beraubten Zivilisten ein. Aus einer Ecke des riesigen Kasernenhofes wurden sie in die andere gehetzt, kaum dass sich das hohe eiserne Tor zur Freiheit hinter ihnen geschlossen hatte. Nur den Schlauesten der Reservisten waren rechtzeitig die noch aus der aktiven Dienstzeit bekannten Verstecke hinter der Küche und den Stallungen eingefallen. Dort fühlten sie sich irgendwie in Sicherheit, ließen die mitgebrachten Schnapsflaschen in verzweifelter Entschlossenheit umgehen, rauchten mit derselben Verzweiflung eine Zigarette an der anderen an und lachten befreit auf, wenn sich auf dem Hof irgendwo die Fistelstimme des Stabsfeldwebels Cricitoiu überschlug:

„Ihr Nichtswürdigen! Ihr Tagediebe! Ihr Banditen! Ich werde euch das Soldatenleben schon schmackhaft machen. Wo bleiben die anderen in ihrer ...?“„Gemeinde Freidorf ist vollzählig angetreten, Herr Feldwebel!“, rief ein Blondschopf aus dem dritten Glied, wo er sich eben unbemerkt eingeschlichen hatte.„Wer ist dies kecke Hähnchen? Heraus mit dir in deine ...“ „Zu Befehl, Herr Feldwebel. Sie sollen leben! Ich bin es, der Gefreite Fischer Carol.“ „Ehj, du bist es, mein Bübchen, mein Herzliebchen. Wo treibst du dich herum, während ich mir die Seele aus dem Leibe schreie?“ „Zu Befehl, Herr Feldwebel, Sie sollen leben! Ich hab mit dem Kleingärtner, mit dem Dix und mit dem Daum hinten im Hof strafexerziert.“

Der Stabsfeldwebel schmunzelte. St

rafexerzieren – das hieß ins Zivilistische übertragen soviel wie: Wir haben uns ein Schlückchen gegönnt; die Flasche für den Herrn Stabsfeldwebel steht im Fenster wie immer. Kosten Sie diesen Freidorfer Seelentrost! „Gut, mein Täubchen!“ Er fingerte ein Papier aus einer Mappe und entfaltete es: „Gemeinde Freidorf!“, rief er und blitzte seine Schutzbefohlenen drohend an. „Aubermann Filip!“ – „Hier!“ – „Burghardt Laurentiu!“ – „Prezent!“ – „Bücher Viliam!“ – „Prezent!“ – „Daum Josif!“ – „Prezent!“ – Und dann der letzte Name: „Weißmüller Ioan!“ – Schweigen. Die Männer aus Freidorf sahen einander an.

 

„Wo in seine ..., wo ist der Weißmüller Ioan?“ Schweigen. Einige zuckten nach Zivilistenart ratlos die Schulter.„Gefreiter Fischer! Wo ist der Weißmüller Ioan?“ „Zu Befehl, Herr Feldwebel, Sie sollen leben! Aber der Weißmüller Ioan ist ein alter Mann.“ „Pass gut auf, mein Söhnchen, mein herzliebes! Willst du mich zum Narren halten?“ „Zu Befehl, Herr Feldwebel, Sie sollen leben! Aber der Weißmüller Ioan ist genau siebenundachtzig Jahre alt.“

Niemand wagte es noch, die Schulter zu heben. Diese feste Antwort und das kaum wahrnehmbare, aber doch zustimmende Nicken der sechsunddreißig Köpfe machten den Gestrengen doch stutzig. Er steckte den Zettel ein und murmelte: „Den werde ich schon kriegen!“

Nach dem Appell begab er sich sofort in die Schreibstube und fasste eine Meldung ab. Kurz und militärisch: „An das Ergänzungsbezirks-kommando Timi¥oara. Der Gemeine Weißmüller Ioan, geboren am 17. April 1908 in Freidorf, Sohn des Weißmüller Ioan und der Tereza geborene Losert, hat der Einberufung nicht Folge geleistet.“  Das Ergänzungsbezirkskommando arbeitete in diesen Tagen unter Hochdruck. In den Schreibstuben kratzten die Federn und klapperten die Maschinen, Schreiber und Hilfsschreiber durchwühlten die Akten und machten das gewohnte Durcheinander noch unentwirrbarer, Ordonnanzen mit dicken Ledertaschen flitzten davon oder lungerten in den langen Gängen herum. In diesen Hexenkessel flatterte die Meldung des Stabsfeldwebels Cricitoiu. Nicht lange danach ging eine Order ab. Kurz und militärisch: „An den Gendarmerieposten der Gemeinde Freidorf. Der Gemeine Weißmüller Ioan (und so weiter) hat unverzüglich dem Einberufungsbefehl No. 341/C., MStM., Folge zu leisten, ansonsten er unter den P. 28b des Militärstrafgesetzbuches fällt.“

 

Wachtmeister Turdeanu in Freidorf erhielt die Order bereits nach drei Tagen, obwohl es von Temeschwar bis Freidorf nahezu zwölf Kilometer sind. Schon am übernächsten Tag schickte er einen Gendarmen mit der strengen Weisung aus, den säumigen Reservisten aufzusuchen. Am späten Nachmittag kam der Gendarm mit der Meldung zurück, der Gesuchte sei nicht vorhanden. Wachtmeister Turdeanu setzte sich hin und schrieb auf die Order: „Das genannte Individuum ist in der Gemeinde Freidorf nicht aufzufinden. Dagegen ist in der Gemeinde Freidorf ein Individuum zuständig, das den gleichen Namen trägt, aber in Anbetracht seines Alters von siebenundachtzig Jahren mit dem Gesuchten nicht identisch sein kann.“

Ein paar Tage später fiel dieselbe Order wieder auf seinen Schreibtisch, diesmal aber nicht unscheinbar und harmlos wie beim ersten Mal, sondern von dem wohlbekannten, gefürchteten, mit einem dicken roten Strich gekennzeichneten Haftbefehl begleitet.

„Der Gemeine Weißmüller Ioan (und so weiter) ist unverzüglich zu fahnden, zu verhaften und unter strengster Eskorte einzuliefern!“ Da haben wir es! Der Geschwänzte soll diesen Weißmüller holen! Wachtmeister Turdeanu eilte höchstpersönlich zum Gemeindeamt. Der Gemeindeschreiber blätterte in einem dicken Register: „Aha! Weißmüller  Johann, geboren am 21. November 1851. Das ist der alte Vetter Hans. Einen Moment, meine Herren! Er hatte einen Sohn – hier ist er: Weißmüller Janos, geboren am 5. Juni 1875. Einen Moment, meine Herren! Der hatte auch einen Sohn. Hier, meine Herren, hier ist er: Weißmüller Janos, geboren am 17. April 1908. Herr Wachtmeister, hier ist Ihr Mann.“

„Was hab ich davon, dass er in Ihrem neunmal verfluchten Register steht? Ich muss ihn lebendig haben. Hier – lesen Sie: fahnden, verhaften und unter strengster Eskorte einliefern!“ Der Gemeindeschreiber dreht die Arme nach außen. „Tut mir Leid, Herr Wachtmeister, dass Sie ihn nicht verhaften können; er ist nämlich vor etwa fünfundzwanzig Jahren mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten von Nordamerika ausgewandert. Seither hat kein Mensch mehr von ihm ein Sterbenswörtchen gehört.“

Wachtmeister Turdeanu ging ins Wirtshaus und brachte sein gestörtes körperliches und seelisches Gleichgewicht mit einem Gulasch und einem halben Liter Zilascher kostenfrei wieder in Ordnung. Dann verfügte er sich nach Hause, nahm noch einen Schluck aus der Flasche, die ihm der Wirt diskret in die Tasche versenkt hatte und schrieb auf den Haftbefehl: „Genanntes Individuum ist im Jahre 1912 zur Auswanderung gebracht worden.“ Diese Idioten im Ergänzungsbezirkskommando. Jetzt werden sie ihn endlich streichen.

Doch mit der Gründlichkeit des Ergänzungsbezirkskommandos hatte er nicht gerechnet. „Weißmüller!“, murmelten die Schreiber und Hilfsschreiber und wälzten die unmöglichsten Vermutungen in ihren Gehirnen. Diesen Namen hat man doch schon ein- oder zweimal gehört! „Weißmüller!“, murmelte der Stabsschreiber Movil¥ und klopfte beim Herrn Hauptmann an. „Weißmüller! Weißmüller!“, murmelte der Herr Hauptmann und  begab sich zum Herrn Oberst. „Weißmüller! Weißmüller!“, schaute der Herr Oberst von einigen Fotografien seiner neuen Schweinemästerei auf. Ein Fragebogen wurde nach Freidorf geschickt; darauf standen zwei Dutzend staatswichtiger Fragen und hinter jeder Frage lauerte der amtlich leere Raum auf das Gewissen der Untertanen.

Dieser Akt fiel wie ein Stein vom Himmel auf den Tisch unseres seit zwei Wochen wieder in alter Beschaulichkeit regierenden Wachtmeisters Turdeanu in Freidorf. „Neunundneunzigmal verflucht!“ Er donnerte in die Gemeindestube. Er sprach mit dem Notar. Sie sprachen mit dem Gemeindeschreiber. Dann füllten sie mit vereinten Kräften den Fragebogen aus: „Weißmüller Ioan, geboren am 17. April 1908, ist ein weltberühmter Filmschauspieler!“ Drei rote Rufzeichen dahinter. Dann tauchte Wachtmeister Turdeanu die Feder tief ein, machte einen Schnaufer, strich sich über den Speckbauch und schrieb: „Genanntes Individuum ist identisch mit dem weltberühmten Filmschauspieler Johnny Weißmüller, genannt Tarzan, der in den Urwäldern Amerikas lebt und sich wie ein Affe von Baum zu Baum schwingt!“ Datum, Stempel, Unterschrift. So! A¥a! Jetzt ist der Fall erledigt!

Im Herbst des gleichen Jahres lud der Lehrer Karl Fischer aus Freidorf die drei Hauptakteure dieser  Geschichte zu einem Besuch des Capitol-Kinos ein. Überall in der Stadt schrie von den Plakaten der Name: „Johnny Weißmüller – als Tarzan!“ Als sie das Kino verließen, machte sich Stabsfeldwebel Cricitoiu mit schwacher Stimme bemerkbar: „Meine Herren! Was sagen Sie zu unserem Weißmüller?“ Wachtmeister Turdeanu konnte nur noch stöhnen. „Unser Weißmüller! Meine Herren! Domnilor! Haben Sie gesehen, wie sein erster Schlag den Kopf der Riesenschlange, sein zweiter Schlag den Kopf des Krokodils, sein dritter Schlag den Kopf des Tigers zerschmettert hat? Und wie der Orang-Utan beim Anblick unseres Tarzans geflohen ist – unser Tarzan ihm nach – von Baum zu Baum – von Ast zu Ast – jetzt ist er dicht hinter ihm – jetzt hat er ihn – ein Schlag mit der Keule – zerschmettert sinkt der Orang-Utan vornüber!  Und diesen unüberwindlichen Helden sollte ich fahnden, verhaften und unter strengster Eskorte ins Gefängnis einliefern. Dem Himmel sei Dank, dass er ihn rechtzeitig nach Amerika geführt hat! Ja, Gott sei gelobt und sein Name sei tausendmal gepriesen!“

Schwarzfahrer
Entnommen aus Hans Damas  Prosaband „UNTERWEGS“ (2003)
von Hans Dama

Volkswirtschaftlich gesehen, ist Sparen eine Tugend, grenzüberschreitend. Und wie sollte man Tugendhaftes übersehen oder gar übergehen, hatten wir doch schon in frühester Kindheit den Spargedanken über alles und vor allem noch lange vor irgendeinem geldinstitutionellen Werbeslogan in Ehren zu halten gelernt. Sparen war notgedrungen, bedeutete es doch, einigermaßen bitteren Zeiten - die sich ja in Ceausescus „Blütezeit“ auch tatsächlich eingestellt hatten - mit akribischer Sorgfalt überlebenschancenwahrend entgegenbangen zu dürfen. Wir durften auf Schritt und Tritt sparen und wollten dies auch ausdrücklich unter Beweis stellen: also sparte man überall, auch dort, wo man sich durch Sparen, anderen, Mitmenschen zum Beispiel, unmittelbar behilflich erweisen konnte, ja sogar fruchtbringerisch zu agieren imstande sein wollte.

Nehmen wir doch beispielsweise den Eisenbahnschaffner: Er hat es nicht leicht, ungeregelte Arbeitszeit, ununterbrochen riechkolbenbekitzelnden Ausdünstungsvorgängen an „unsicheren“ –  im Sinne von schaukelnden, dafür aber abwechslungsreich erscheinenden Arbeitsplätzen ausgesetzt... Warum soll man ihm und seinesgleichen von unseresgleichen, vom kleinen zum kleinen Mann also, nicht unter die Arme greifen: ich meine finanziell. Und zu den kleinen Leuten zählten nicht nur Schüler, Studenten, Arbeiter, Künstler, Büroangestellte usw. usw. Einander helfen bedeutete, sich selbst helfen...

Also kaufte man sich keine Fahrkarte, schädigte den Staat, sparte selber, half dem Nächsten, sprich dem Eisenbahnschaffner, indem man ihm vor Abfahrt des Zuges, und sei es nur mit Blickkontakt, zu verstehen gab, dass man fahrkartenlos einsteige. Die Entwicklung nahm ihren Lauf: Man bereitete einen Teil des Fahrpreises in bar vor. Je länger die Reise, desto kleiner der dem Schaffner zu entrichtende Anteil: ein Drittel, ein Viertel, oft – auf Langstrecken – bis zu einem Zehntel des Tarifes wanderten in die Taschen des guten „Onkels“. Ja, ja, leben und leben lassen, das war die Alltagsphilosophie, die, die meisten Menschen in den ehemaligen Ostblockstaaten vor der Verzweiflung gerettet und vor nihilistischen Abgründen zu bewahren verstanden hatte. Dass bei solchen Vorgangs- und Denkweisen der Staat geschädigt wurde, störte wohl niemanden, denn ER – und das im totalitären System – tat so, als ob er seine Untertanen bezahlte, und die Menschen taten so, als ob sie ihm dienten.... Ein Teufelskreis. Er ist jedoch das Beweisstück für das herabgekommene und abgewirtschaftete System, für die Einstellung der Millionen, deren Denk- und Handlungsweise es fortan umzukrempeln galt.

Die erste und einzige Kundgebung der Kinder in Rumänien wurde im Sinne der Arbeiterhilfe organisiert. Die Kinder zwischen sieben und elf Jahren nahmen ihren Start vom fabrikler Heuplatz. In geordneten Vierer – Reihen gingen sie langsam auf der Straße, begleitet auf dem Gehsteig von ihren Eltern und Verwandten. Die Eltern waren nicht besonders mutig. Einige hielten ihre Kinder auf dem Gehsteig. Wenn man bedenkt, dass das größte Vermögen der armen Leute ihre Kinder sind, so kann man das verstehen. So sehr ihnen der organisierte Marsch der Kinder mit ihren leuchtenden Wangen auch gefallen hat, hatten sie Angst um sie. Erst nachdem sie erfahren hatten, dass eines der Kinder, die das Transparent mit dem Losungswort trug, mein Sohn war und die Kleine unter dem Plakat meine Tochter Gitti war, dann bekamen auch sie den Mut und ließen ihre Kinder in die Reihe der kleinen Demonstranten. Von Zeit zu Zeit musste die Kolonne aufgehalten werden, damit die Kleinen, die nicht Schritt halten konnten, in die Kolonne integriert und die Neuankömmlinge in die gut organisierte Kolonne eingereiht werden konnten.lernen.

Schwarzfahrer im eigentlichen Sinne war man ja schließlich keiner, denn als mit dem Schaffner Kollaborierender drückte man sich doch keineswegs vor seiner Amtshandlung, sondern verständigte sich über pari mit ihm bei der Ausübung seiner Pflicht, die Fahrkarten der Reisenden zu kontrollieren. Gewissen?

Ja?! Die kommunistische Institution Staat formte sich ihre Bürger, zu Unter-Genossen, zu Menschen zweiter Klasse degradiert, setzte ihnen prägend den Stempel auf und erhielt prompt die Retourkutsche serviert. Das Beispiel Eisenbahnfahrten ist nur eine von vielen stillen, gegen den Staat gerichteten Protestformen, die zwar keine in dieser Richtung bewusst angelegte Aktion zu bedeuten hatte, sondern eher dem Unterbewusstsein entsprungen sein dürfte.

Kurzum, ich bestieg in P. den Mittagszug, einen Triebwagenbummelzug,  um nach Temeswar zu fahren. Überfüllt, wie immer, mit Pendlern, die zur Nachmittagsschicht in die Stadt unterwegs waren, forschte ich nach einem eventuell noch freigebliebenen Plätzchen, um die einstündige Fahrt arbeitend überbrücken zu können. In einer Ecke des Großraumabteils – die Wagengarnitur stammte aus den dreißiger Jahren, war also gute vierzig Jahre überzeitig, erspähte ich das bekannte Gesicht des Herrn M., der mir auch schon mit eindeutigem Handzeichen zu verstehen gab, dass der Platz neben ihm noch zur Verfügung stünde. Also steuerte ich auf mein Ziel zu.

Herr M., ehemaliger Bahnhofsvorstand in P., war vor einiger Zeit mit seiner Familie nach Temeswar übersiedelt. Er hatte sich vermutlich dienstlich verbessern können. Warum auch nicht. Eine smarte Erscheinung, redegewandt und höflich. Wir kannten einander, wie man sich so kennt, wenn man als Pendler über „sein“ Bahnhofsareal dahinhastete, gelegentlich Worte zu wechseln Zeit gefunden hatte oder über die schulischen Fortschritte seiner Tochter Dana doch ab und zu mal eingehender zu plaudern imstande gewesen war.

Herzliche Begrüßung, höfliche Erkundigung nach dem gegenseitigen werten Befinden... Wir sprachen über seine Familie, über die jetzige Schule seiner Tochter, über meine Erledigungen in der Stadt. Der Zug hatte sich längst in Bewegung gesetzt, und siehe, da erscheint der Schaffner, eifrig seines Amtes waltend. Ich hatte ihn vor dem Zusteigen kontaktiert und wartete darauf, wie er nun reagieren würde, denn Herr M. gleichfalls als Eisenbahnbediensteten zu diagnostizieren, dürfte für den Schaffner nicht allzu schwer gewesen sein. Und tatsächlich: der altgediente „Onkel“ erbleichte, als er mich neben Herrn M. ortete, doch er ließ seine jahrzehntelange -- man kennt sich ja so auf den Nebenbahnen - Schaffnerroutine tanzen, überging auf seinem Fahrkartenentwertungsgang sowohl Herrn M. als auch mich mit gekonnter Eleganz, weil er allem Anschein nach, sich in unser lebhaftes Gespräch nicht zäsurierend hatte einschalten wollen.

 

„Hürde geschafft,“ dachte ich. Auch Herrn M. schien es scheinbar nicht gestört zu haben, dass der „Onkel“ uns nicht belästigte. Am Ende des Abteils angelangt, drehte sich der Schaffner noch einmal um. Seine Blicke erfassten rasch die Situation..., denn soeben hatte sich Herr M. von seinem Platz erhoben und mich im Flüsterton wissen lassen: „Bis später. Die Pflicht ruft. Ich muss meinen Kontrollgang absolvieren. Ich hoffe, Sie können mich für einige Minuten entbehren?“ Der Schaffner erbleichte, mir begannen die Knie zu zittern... In solchen Fällen, also wissend, dass sich ein Kontrollorgan bereits im Zug befindet oder möglicherweise zusteigen wird, hatten die Schaffner Fahrkarten parat, die dem Sonderfahrer zugesteckt wurden, um einen Eklat vorzubeugen. Diesmal hatte der „Onkel“ keine Gelegenheit mehr gefunden, mich entsprechend auszurüsten, konnte er doch nicht ahnen, dass die Maus sich justament mit der Katze anfreunden werde... Mir ging es auch nicht um eine eventuelle Pönale, sondern vielmehr um die Schmach, die über mich hereinbrechen könnte. Nun, es war sowieso schon zu spät, denn Herr M. schritt auf den Schaffner zu, und beide starteten, anscheinend an irgendeinem Zugende beginnend, den Kontrollgang.

Ich fieberte eventuellen Lösungsmöglichkeiten entgegen. So sehr auch meine Phantasie zu blühen sich Mühe geben wollte, es fielen mir lediglich faule Ausreden ein. Damit konnte ich Herrn M. doch nicht kommen... Das konnte ich mir doch selber nicht antun. Von verlorener Fahrkarte bis das darauf - vergessen - Haben, eine zu kaufen, fiel mir alles Mögliche ein, jedoch nichts plausibel Klingendes... Ich harrte der Entwicklung, die auch nicht lange auf sich warten ließ. Schon stampfte der Schaffner, dem offenbar das Herz in die Hose hinuntergerutscht sein dürfte, heran: an seiner Seite Herr M. Mein Gegenüber zückte seinen Pendlerausweis. Darauf Herr M. zu mir gewandt: „Es dauert nicht mehr lange, wir sind gleich fertig.“ Mein Blutdruck schnellte in die Höhe, mein Puls schoss expresszugtempogleich dahin. Verlegen stammelte ich einige Worte, doch die beiden Eisenbahner schienen es eilig zu haben... Die benachbarten Mitreisenden wunderten sich nicht im geringsten darüber, dass man nicht begierig war, meine Fahrkarte zu kontrollieren. Jeder war viel zu sehr mit seinen eigenen Problemen befasst, als sich um solchen Kleinkram kümmern zu wollen.

War die Hürde nun genommen oder nicht? Wenn er aber doch etwas zu sehen begehrt? Ich weiß nicht... Wichtig ist, sich nichts anmerken zu lassen. Doch ans sprichwörtliche „ruhig - Blut - Bewahren“ war überhaupt nicht zu denken. Zu sehr war ich in Aufruhr. Lesen! Lesen lenkt ab und hilft meistens. Die Flucht ins Buch misslang: Herr M. stand plötzlich wieder da und meinte lakonisch: „Geschafft!“ Ich war es aber auch. Wir plauderten weiter, ohne das Kontrollgang -Thema zu berühren. In Temeswar angelangt, herzliche Verabschiedung mit Grüßen an seine Familie usw. Ich wollte dem armen „Onkel“ seinen Anteil zustecken, doch so sehr ich dies auch versucht hatte, es gelang mir nicht, ihn ausfindig zu machen. Ich wurde ungewollt zum Schwarzfahrer und dies ausgerechnet dank der unbewussten Mithilfe eines Kontrolleurs.

Mit dem festen Vorsatz, den „Onkel“ bei der nächsten Gelegenheit zu entschädigen, ging ich meinen Temeswarer Geschäften nach...

 

 

Die   „Muschkiuletz-Verbindung“
von Dr. W. Alfred Zawadzki

Temeschburg im Jahre 1986. Steif, stur und unflexibel schlitterte das sozialistische System mehr und mehr in den von der Gesellschaftsordnung verursachten Sonnenuntergang. Der Arbeiter- und Bauernstaat, der in den letzten zehn Jahren nur noch künstlich am Leben erhalten wurde, musste sich tagtäglich neue Misserfolge eingestehen. Die sozialistische Planwirtschaft, nur noch in den demagogischen Schlagzeilen der Propaganda-Presse vorhanden, verkündete, unkoordiniert und überstürzt, vorgegaukelte Bilanzen, an die niemand mehr glaubte. Angesichts der verzweifelten Lage der Volkswirtschaft sah sich der Staat gezwungen, auf seine Bürger einen immer stärkeren Druck auszuüben. Die Selbstverwaltungsbefugnisse industrieller Unternehmungen wurden den Betriebsräten buchstäblich entzogen und  einzelnen, meist inkompetenten, von oben ernannten staatlichen Direktoren übertragen. Als Folge dessen waren immer neue Entbehrungen an der Tagesordnung. Obwohl, eine Tugend musste man dem Sozialismus zugestehen: Man versuchte mit brachialer Gewalt das Elend gleichmäßig zu verteilen.

Der an Entsagung gewohnte Temeswarer Bürger konnte sich anscheinend mit dem Mangel an Konsumgütern, Heizung und Elektrizität arrangieren, nicht aber mit dem Verzicht auf Lebensmittel. Trotz der seit 1975 üblichen Rationierung der Grundnahrungsmittel gab es in den meisten Haushalten genügend „zu Essen“. Nach dem Motto „Not macht erfinderisch“ wurden Kontakte zu Angestellten der Lebensmittel-industrie hochgezüchtet und es begann ein – der primitiven Kommune nicht unähnlicher – Tauschhandel, der im Endeffekt darauf zielte, sich und seiner Familie das „tägliche Brot“ zu sichern.

Fleisch und Wurstwaren in guter Qualität, das begehrteste – allerdings auch am schwersten zu beschaffende – Gut,  gab es ab 1980, zumindest offiziell,  nirgends zu kaufen. Auf grauen, dunkelgrauen und schwarzen Kanälen schlich man an die wenigen Leute heran, die Zugang zu den Lagern der Metzgereierzeugnisse hatten. Deren privilegierte Stellung, mit Sicherheit schwer erkauft und bestimmt noch schwieriger zu halten, verschaffte ihnen einen nicht zu vernachlässigenden Respekt. Diese Personen lebten allerdings auch gefährlich. Miliz- oder Securitate-Angestellte, die ja selbst gern aßen, hielten zwar ein wachsames Auge auf die in Frage kommenden Leute, ließen sich aber – korrupt wie sie nun mal waren – mit genau dieser Ware bestechen. Ein Angestellter eines Schlachthauses, einer Schweinezüchterei oder eines Metzgerladens, hatte somit viele zu versorgende „Münder“. Die Arbeitsverhältnisse in diesen sozialistischen Betrieben waren immerhin geprägt von „kameradschaftlicher Zusammenarbeit“ und „gegenseitiger Hilfe“ der „von Ausbeutung befreiten“ Werktätigen. Deswegen waren die der normalen Bevölkerung zugänglichen Geschäfte so gut wie immer leer. Die älteren Herrschaften erzählten – in kapitalistischer Vergangenheit schwelgend – von den „guten alten Zeiten“ vor 1940, in denen auf dem Metzgerei-Schaufenster „Tache M¥celaru“ (Tache der Metzger) geschrieben stand und im Laden Fleisch zu kaufen war, im Gegensatz zu 1986, wo auf dem Schaufenster „Fleisch“ stand und  im Laden kein Fleisch, sondern nur Tache der Metzger war. Im Kapitalismus wurde der Mensch vom Menschen ausgebeutet. Im Sozialismus ist es umgekehrt. Dazu kommen allerdings noch Knebelungen durch die Parteifunktionäre und sämtliche Organe des Staates.

Obwohl ich als Zahnarzt durch meine Patienten Zugang zu vielen Tabu-Bereichen der sozialistischen Vettern-Wirtschaft hatte, waren die Zeiten schlecht und ich tat mich mit der Fleisch- und Wurstwarenbeschaffung auch schwer. Die Obrigkeiten waren angehalten, auch jene zu bestrafen, die sich „ungerechtfertigt“ im Besitz von Fleisch oder Wurstwaren befanden, deren Herkunft  – zumindest „gesetzlich“ –  nicht nachzuweisen war. Deswegen durfte man sich nicht erwischen lassen. Ein Kilo Fleisch alleine war sicher nicht gefährlich, wenn aber einige Stangen Salami dazukamen, waren die Probleme vorprogrammiert. Gelegentliche Haus-, Speisekammer- und Kofferraumdurchsuchungen durch die Ökonomische Miliz waren gefürchtet. Wie ein ehelicher Zerberus, der lauernd und witternd die kleinsten Gefahrenherde im Keim erstickt, sollten die Geheimdienstler über die „Wilderer“ wachen. Die leeren Mägen verlangten aber mindestens dreimal täglich ihre Rechte und so siegten die Triebe – im Nebel der Pflicht – immer wieder meterhoch über die Moral.  Unser liebes Temeschburg war verfangen in den Klauen eines Systems, das Menschen und Würde verachtender kaum sein konnte. Timi¥oara, die westlichste Frontstadt im sozialistischen Rumänien, ein Hort der antikommunistischen Avantgarde, der Stachel im sozialistischen Fleisch. Die Großstadt mit dem größten Anteil an deutscher Bevölkerung, wo die Skepsis der Milizionäre wie eine gigantische Fledermaus über die mit westlicher Kultur verseuchten Bürger wachen sollte.

Der „Eiserne Vorhang“ verhinderte zwar, dass wir nach draußen gelangten, der mit westlicher Musik und Reklame geschwängerte Äther allerdings und die Fernsehwellen der parteifeindlichen Medien konnten in der Banater Steppe besonders gut empfangen werden. In der Tristesse des sozialistischen Daseins waren wir mit den Jugendlichen aus Wien, München und London durch die Musik der Beatles und der Rolling Stones vereint. Im Gegensatz zu anderen rumänischen Städten hatten wir nicht nur bessere Bücher und Schallplatten. Der Geschäftssinn und die Tüchtigkeit unserer Vorfahren schufen noch im 19. Jahrhundert eine solide, kaum klein zu kriegende Infrastruktur, die in Temeswar und Umgebung Arbeitsplätze und Wohlstand sicherte. Obwohl der Sozialismus das meiste an Initiative und Unternehmergeist vernichtete und die zahlreich vorhandenen Betriebe in „Volkshand“ übergegangen waren, produzierte man im gesamten Kreis Temesch so viele Lebensmittel wie im ganzen restlichen Land zusammen. Wir Temeschburger waren also nicht nur durch unseren Heimvorteil favorisiert.

​Einen Tag später kam – eigentlich wie gewohnt – unsere „Klinik-Putzfrau“ mit einem kleinen Wäschekorb. Sie ging auf mich zu, hob ein paar weiße Kittel hoch und zeigte mir im Inneren des Korbes ein kleines Geheimfach. Dort sollte ich mein für die Metzgereisachen vorbereitetes Geld deponieren. Sie flüsterte mir zu, ich solle kurz vor der Mittagspause meinen Kofferraum unabgesperrt lassen und zu Mittag unbedingt nach Hause fahren, um „abzuladen“.

Ich war platt. Frau Miklos kannte ich seit mindestens zehn Jahren. Sie war streng gläubig, immer adrett angezogen, bescheiden und stets hilfsbereit. Sie wusch und bügelte ab und an meine außerplanmäßig besudelten weißen Kittel. Ich revanchierte mich mit Kaffee und Zigaretten. Sie nahm immer dankend an. Sie hatte einen Säufer als Mann und mehrere Kinder zu versorgen. Sie war fleißig und sich dessen bewusst, dass sie mehr wollte, als ihre Lage unter normalen Umständen ermöglichte. Die prekäre Situation erzwang bei ihr einen typischen Dualismus: Tiefe Gläubigkeit paarte sich mit einem unlöschbaren Durst, strenge moralische Richtlinien mit dem Ehrgeiz, ihrer Familie das Nötigste beischaffen zu können, beruflicher Gehorsam mit dem Drang, aus allen Schranken auszubrechen.

Kurz vor zwölf Uhr mittags kam unsere Sterilisationsschwester herein und fragte, ob ich vergessen hätte meinen Kofferraum aufzusperren. Da ich an dem Morgen viele Patienten hatte, vergaß ich tatsächlich, mich an die Vereinbarung zu halten. Ich solle ihr die Schlüssel aushändigen, sie würde das für mich erledigen. Auch du, meine Sterilisationsschwester? So gegen Eins ging ich zum Auto, um heimzufahren. Ich öffnete seelenruhig den nicht verschlossenen Kofferraumdeckel und dachte, mich trifft der Hammer. Ich zählte ganz schnell 6 (sechs) Stangen Salami, 3 (drei) „Pariser Würste“, etliche Stücke Prager Schinken und mehrere nicht zu überblickende, sauber eingeschweißte Schweinelendchen. Ich schlug die Haube zu, blickte um mich, wie ein auf frischer Tat ertappter Dieb, sah an den Fenstern des Poliklinik-Gebäudes hoch, als ob tausend Blicke auf mein Tun herabblickten. Es war aber keiner da. Mein Puls schlug rhythmisch in den Ohren, meine Knie waren weich und ich war wie gelähmt. Ich wusste, ich sollte ins Auto steigen und wegfahren, doch es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder in der Gewalt hatte. Es war die Zeit der Lindenblüten, ein Duft, der mich bis dahin immer betörte und mich veranlasste, etliche Male tief einzuatmen. Ich konnte gar nicht genug davon bekommen. Die damals empfundenen Gefühle waren sehr kräftig. Meine Angst interferierte so stark mit dem Lindenblütenduft, dass mich auch heute noch aufkommender Lindenblütengeruch in eine ähnliche Stimmung versetzt. Ich beruhigte mich erst als ich alles abgeladen und verstaut hatte.

Am nächsten Morgen war ich etwas spät dran. Ich sauste hastig an Herrn Cazacu (unserem Pförtner) vorbei und rief laut – wie sonst immer auch – „S¥ tr¥iasc¥ domn’ Cazacu“ (Es lebe Herr Cazacu). Er, der sonst immer „S¥ tr¥iasc¥ domn’ Doctor“ zu rufen pflegte, lief mir nach und fragte: „... cum a fost mu¥chiule¥ul?“ (… wie war das Schweinelendchen?). Ich dachte so bei mir, dass ich wohl im falschen Film sei?! Wer war eigentlich noch eingeweiht? Wie dicht sollte dieses Spinnennetz verwoben sein?

Zwei amerikanische Studenten baten mich in der Frühstückspause um eine Unterredung. Das Funkeln in ihren Augen deutete auf etwas Wichtiges. Sie meinten, sie hätten „ein paar Kilo Fleisch“ übrig. Sie bräuchten ein größeres Studentenzimmer und wollten diskret wissen, ob man evtl. den Administrator des Studentenwohnheims damit „überzeugen“ könnte?!? Den Kampf gegen die westlichen Einflüsse hatten die Parteikader eh verloren. Die vielen ausländischen Studenten, die man sich ins Land geholt hatte, zahlten harte Devisen für einen akademischen Grad. Dadurch kam noch mehr internationales Leben in Temeswars provinzielles Dasein. Die wollten allerdings auch essen. Die wollten sich auch unterhalten. Man musste damit rechnen, dass sie sich evtl. auch mit der einheimischen Bevölkerung „vermischten“. Den Klassenfeind hatte man wirtschaftlich eingebunden, auch wenn er ideologisch nicht sauber war.

Kurz vor der Kollegiumsbesprechung im Ärztezimmer kam unsere Lektorin auf mich zu, zog mich zu sich und wollte  mich „ins Vertrauen nehmen“. Ich hatte eigentlich keine Lust, mit ihr zu reden. Ich konnte sie nicht ausstehen. Sie war dumm, hochnäsig und professionell weit unter dem Limit. Sie hatte ein seltsames Talent. Gefangen im Kerker eines hässlichen Körpers, unbeliebt und schlecht vorbereitet, konnte sie sich nur mit Lügen und Intrigen bemerkbar machen.  Sie litt darunter, dass keiner sie mochte, hatte aber nicht genug Charakterstärke, ihre Unzulänglichkeiten und ihre Feldwebel-Manieren zu überwinden. Ihre emotionalen Wärmflaschen waren Alkohohl und schlank machende Medikamente. Die Studenten mochten ihre Kurse nicht und noch weniger ihre praktischen Anwendungen. Wir hatten damals jeder acht Studenten zu betreuen. Da alle ihre Studenten von ihr wegliefen und zu mir ins Vorführzimmer kamen, schwärzte sie mich immer wieder beim Professor an. Ich hatte also täglich Ärger wegen ihr und jetzt wollte sie auf einmal mein Freund sein? Plump wie ein junges Nilpferd grinste sie mich an und meinte, sie würde in der darauf folgenden Woche mehrere Schweinelendchen bekommen und bräuchte sie nicht alle. Ob ich wohl zwei abhaben wollte? Sie hätte bereits den Professor gefragt. Der sei aber eingedeckt.

Der fleischige Stoff, aus dem unsere damaligen Träume gewoben waren, wurde plötzlich inflationär. Wie schmal der Grat doch sein konnte zwischen Hunger und Überfluss. Ich fragte mich, wie lang es wohl gedauert hatte, bis sich in unserem Schmelztiegel von Nationalitäten, Bräuchen und Sprachen dieses dichte ineinander geflochtene, alles überragende Netzwerk gebildet und das soziale Gegeneinander in einer nicht enden wollenden Lebensbejahung aufgehoben hatte. Was die sozialistische Gesellschaftsordnung, Partei, Öko-Miliz und Securitate nie geschafft haben, gelang einer aus der Not erwachsenen Methode: „der mu¥chiule¥-Verbindung“!

Einer meiner Patienten, dem ich eine ziemlich schwierige Zahnfleischchirurgie gemacht hatte, wollte sich nach abgeschlossener Behandlung erkenntlich zeigen und bot mir an, bei Bedarf,  jedwelche Fleisch-, Wurst- oder Aufschnittsorte besorgen zu können. Angesichts der täglichen Gratwanderung, die ein jeder von uns durch die Maschen des Knüppelsystems absolvieren musste, wollte ich das nicht ganz glauben.

Mein Patient bestand aber darauf, ihn auf die Probe zu stellen. Er hätte eine Führungsfunktion im Temeswarer Schlachthof und beste Verbindungen.  Ich bat ihn somit „spontan“, einen „Prager Schinken“ und zwei „mu¥chiule¥i“ (Schweinelendchen) zu besorgen. Er meinte, dass das alles kein Problem sei und dass sich am darauffolgenden Tag jemand bei mir melden, das Geld in Empfang nehmen und mir berichten werde, wann und wo ich meine Ware bekäme.

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letzte Aktualisierung: 13. November 2019

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