Heimatblatt 2002 (Auszug)
Temeschburg im Bombenhagel
von Egon G. Gassner
(Ein Stück Zeitgeschichte  -  oder was hat Napoleons Verbannungsinsel mit Temeschburg gemeinsam)

Man schreibt das Jahr 1944 fünf Tage vor Beginn des Sommers. Der Wettergott ist Temeschburger Bürgern gnädig gesinnt und wenn auch Lebensmittel- und Warenangebote spärlicher geworden sind, ist von dem weltweit tobenden, erbarmungslosen Kriegsgemetzel nicht viel zu merken. Während Tag um Tag und Nacht um Nacht, deutsche und andere Städte in Schutt und Asche versinken, Hunderttausende Soldaten und Zivilpersonen ums Leben kommen, Millionen Flüchtlinge Europas Straßen bevölkern, mutet Temeschburg in diesem fünften Kriegsjahr, noch immer wie eine Insel des Friedens und Wohlstands an.

Durchschnitts- Temeschburger lassen sich nicht einmal durch ernüchternde Gerüchte, wie z. B. , die Rote Armee sei auf rumänischen Boden bis zum Pruth-Fluß vorgedrungen und setze zum Generalangriff gegen die bereits zerbrochene, deutsche Südostfront an, in ihrer behäbigen Ruhe stören. Warum auch? Bisher ist nichts passiert, ergo, wird auch in Zukunft nichts geschehen. So läuft alles im alten Trott weiter.

Bürger gehen ihrem Tagewerk nach, Schulen unterrichten mit älteren Lehrkräften und „Schwarze“ werden im Cafe Wien  - zwar nicht in althergebrachter  „Julius Meindl“ Qualität – aber immerhin, auf Wunsch, an jedermann serviert. Im Stadtgebiet war alles zu finden, was eine kleine, ehemalige k.u.k. Provinzhauptstadt am Rande des Balkans so zu bieten hat. Angefangen von Prochaska´s Getreidemühle, dem Götter´schen Landmaschinen-Depot, Langer´s Krawattenfabrik, Kämpfer´s Kosmetika-Lager bis hin zu Schnur´s Edelrestaurant und Kocsonyai´s Gulaschkneipe war alles da, was das Herz begehrte. Dazu unzählige Flickschuster, Schneider, Friseursalons etc., etc.

Zu diesem Zeitpunkt war die Mineralölförderung in Ploesti, infolge der Rund – um – die - Uhr  Bombenangriffe, zum Stillstand gekommen, die Bukarester Titan Malaxa- Lokomotivwerke ausgebombt und eine Reihe Kleinstädte hatten die Feuertaufe hinter sich. Neben Ploesti und Bukarest, die unter Dauerfeuer standen, wurden allein in den ersten zwei Juniwochen, Klausenburg, Großwardein, Kronstadt, Szegedin, Galatz, Giurgiu, Constanza und Focsani aus der Luft angegriffen. Temeschburg dagegen schwebte in der euphorischen Illusion, eine unantastbare Stadt , inmitten der blühenden Banater Heidelandschaft zu sein. Unverbesserliche Optimisten glaubten sogar, dass die Alliierten Temeschburg schonten, weil sie nach der Zertrümmerung Bukarests eine intakte Hauptstadt für ein neu zu schaffendes Staatsgebilde benötigen. Niemand ahnte, dass wenige Monate zuvor in alliierten Generalstäben eine Entscheidung getroffen wurde, welche unter anderem, auch der Temeschburger Friedensidylle ein jähes Ende bereiten sollte. Als sich am 16. Juni 1944, einem Freitag, die Abenddämmerung sanft über das Banat herabsenkte, wehte eine schwache Brise aus Südwest und die laue Luft hatte die sprichwörtlich  „Temeswarer“, milde, frühlingsdufterfüllte Qualität, wie man  sie gemeinhin in südlicheren Mittelmeerbreiten empfindet. Kein Wunder, dass viele Bürger ins Freie gelockt, den linden Abend vor Beginn der langen, heißen Sommertage in vollen Zügen genießen wollten. Und wie immer zum Wochenende, war der „Korso“, entlang der Lloydzeile, mit den üblichen, auf und ab flanierenden Typen überfüllt und  Kinos, Cafés, Konditoreien und Gaststätten hatten Hochbetrieb.

Hochbetrieb einer anderen Art herrschte auch woanders. Das Woanders befand sich genau da, woher die laue Brise herwehte, nämlich ca. 600 – 700 km Vogelfluglinie südwestlich von Temeschburg, zwischen den italienischen Städten Pescara und Taranto, wo die Königlich Britische Luftwaffe RAF und die 15-te Amerikanische Luftflotte nach dem Abfall Italiens, eiligst eine Reihe Kampffliegerhorste in Betrieb genommen hatten. 57 zweimotorige Bombenflugzeuge des Typs „Vickers-Armstrong Wellington“, jedes imstande eine 3 Tonnen Bombenlast über weite Strecken zu befördern und 9 viermotorige Bomber des „Handley Page Halifax“ Typs mit maximaler Tragfähigkeit bis zu 6 Tonnen werden für den nächsten Nachtangriff einsatzbereit gemacht. In dem vom Kommodore der in Foggia stationierten 205-ten Bombergruppe an die Kampfgeschwader 231 und 330 (Wellington) sowie die 614-te Staffel (Halifax) durchgegebenen Einsatzbefehl heißt es ,unter anderem, wörtlich:

 

„Einsatzziel: Timisoara – Zeit 16 / 17. Juni 1944 – 00:20  -  00:30 h

 

Zu vernichten sind : Rollendes Material, Reparatur Werkstätten und Lokomotiv-Depotim Verschiebebahnhof von Timisoara.“

Es sollte sich nur noch um wenige Stunden handeln bis die Bomber-Armada mit ihrer todbringenden Last abheben würde, um unserem geliebten Temeschburg den Garaus zu machen. Doch siehe da – ein gütiges Schicksal griff ein, oder der Spruch „Glück im Unglück“ könnte wohl kaum treffender angewendet werden.

In den späten Abendstunden des 16. Juni, kurz vor geplantem Angriffstermin, erging an die 205-te Bombergruppe ein neuer Befehl von „oben“.

„16/17. Juni   Ziel:  TIMISOARA VERSCHIEBEBAHNHOF.  41 EINSÄTZE“

Für dieses Ziel waren ursprünglich 66 Flugzeuge abkommandiert, da man jedoch Einheiten gegen ein zweites Ziel (Elba) benötigte, wurde die Zahl der gegen TIMISOARA eingesetzten  Maschinen auf 41 reduziert. Am östlichen Ende des Bahnhofs wurden drei Großbrände beobachtet. Reparatur-Werkstätten und Bahnhofsgebäude gingen ebenfalls in Flammen auf. Zwei Drittel der Güter-, Personenwagen- und Lokomotiv-Reparaturwerkstätten wurden zerstört und ihre Ruinen schwelten noch am nächsten Tag um 15:00 Uhr. Als vor Mitternacht am 16. Juni 1944 Temeschburgs Bevölkerung durch starkes Motorengeräusch und Sirenengeheul aufgeschreckt wurde, wunderten sich die meisten, ob es sich erneut um einen falschen Alarm oder vielleicht doch um etwas ernsteres handelte. Die herabrieselnden „Christbäume“  der  614.Staffel erleuchteten das Stadtgebiet taghell, man hätte eine Zeitung lesen können.  Kein Zweifel – die Realität des Zweiten Weltkriegs hielt nun auch in Temeschburg mit Wucht ihren Einstand und ohne seine grausamen Konsequenzen wäre der Feuerzauber als schaurig schönes Schauspiel in die lokale Geschichte eingegangen. Plötzlicher als gedacht, sah man in der Josefstädter Gegend Feuer auflodern, die sich zu Riesenbränden ausbreiteten. Nach nur 30 Minuten war kein Motorengeräusch mehr zu hören, die Bomber flogen heim, Auftrag erfüllt, die Temeschburger durften ihre Wunden lecken. Natürlich erhebt sich jetzt die Frage wie Temeschburg  ohne  den in letzter Minute befohlenen Einsatz gegen Elba, der die Kampfstärke des gegen Temeschburg geflogenen Angriffs auf fast die Hälfte reduzierte, abgeschnitten hätte.

Unbestritten ist, daß ein Großteil dieser Flugzeuge, die auf Elba insgesamt 60 Tonnen, in erster Linie überschwere Sprengbomben abwarfen, gegen Temeschburg eingesetzt worden wäre, wenn es den , im letzten Augenblick erteilten, schicksalsschweren „Elba-Befehl“ nicht gegeben hätte. Glücklicherweise hatten Temeschburger Stadtplaner, wie es sich jetzt erweisen sollte, in kluger Voraussicht, großzügige Parkanlagen anlegen lassen, so daß eine große Anzahl der Brandbomben in Grünanlagen wie Rosengarten, Skudierpark, Jagdwald usw. harmlos ausbrannten. Aber auch der die Stadt zweiteilende Bega-Kanal bildete einen natürlichen Feuerschutz, dem wahrscheinlich zuzuschreiben ist, dass eine große Zahl Bomben ohne ernste Folgen verpufften.

Ein guter Stern waltete über unserer Stadt oder realistischer betrachtet :  Auf  Elba stationierte, deutsche  Wehrmachtseinheiten bewahrten unsere Stadt vor noch größerem Unheil. Die zwischen Korsika und dem italienischen Festland gelegene Insel ist schon wegen ihrer Lage schwer zu verteidigen, daher ist anzunehmen, dass die Wehrmachtsführung die Überführung der Truppen auf das Festland vor der in Kürze zu erwartenden alliierten Invasion befohlen hatte. Wahrscheinlich erhielten die Alliierten von den Räumungsabsichten Wind durch ihre italienischen „Verbündeten“ und wollten diese hastig vereiteln, indem sie einen Teil der zur Zerstörung Temeschburgs bestimmten Bomber zur Zerschlagung der deutschen Einheiten auf Elba abzweigten. Ein unbeschreiblicher Glücksfall für unsere Stadt!

Das wäre also die Geschichte der „Temeschburg-Elba Connection“. Napoleon Bonaparte gelang es aus Elba zu entkommen, vielleicht gelang es auch Temeschburg in der Nacht vom 16./17. Juni 1944 schwer angeschlagen, der totalen Vernichtung zu entgehen.

Der Armen- / Folterfriedhof in Temeschburg
von Peter Mildenberger

Die Calea Lipovei ist eine weithin bekannte Straße in Temeschburg. Es ist eine Stadtstraße die in die Überlandstraße nach Lippa mündet. An dieser Straße befindet sich, zwischen dem jüdischen und katholischen Friedhof, der Armenfriedhof von Temeschburg. In früheren Zeiten lag dieser Friedhof noch außerhalb der Stadt. Seit 200 Jahren werden in diesem Friedhof Namenlose und auch Menschen, deren Angehörige sich keine Beisetzung leisten konnten, beerdigt. Dementsprechend vernachlässigt sah der Friedhof auch immer aus. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg kümmerten sich immer weniger Menschen um diesen Armenfriedhof.

Die Folgen wurden immer sichtbarer. Unkraut überwucherte die Grabhügel, die wenigen - meist zerbrochenen Kreuze aus Blech oder Holz waren kaum noch zu sehen. Selbst am Tag verirrte sich kaum mal ein Besucher auf diese Friedhof. Bei Einbruch der Dunkelheit würde dies sowieso keiner wagen. Trotzdem sahen Anwohner gelegentlich nachts Schatten über die verfallenen Gräber huschen. Es waren Schatten, die scheinbar andere Schatten mit sich zerrten die sich wehrten und bald danach verschwanden. Da die Schatten auch immer schnell verschwunden sind, dachte kaum jemand, dass dahinter eine ernste Sache stecken könnte. Manche glaubten sogar, dass es nur eine Illusion gewesen sein müsste. In diesem Friedhof  steht ein kleines Häuschen das so sehr  herabgekommen war, dass kein Mensch auf die Idee gekommen wäre mal da hinein zu schauen. Und außerdem war dieses Leichenhaus auch gut verschlossen. In dieses Leichenhaus zerrte die Securitate - Geheimpolizei des kommunistischen Rumäniens - ihre Opfer. Dieses Häuschen sollte, vor und im Laufe der rumänischen  Revolution von 1989, den Armen-Friedhof von Temeschburg zum Folterfriedhof der Securitate machen. Auf diesem Friedhof waren die Bestien in Menschengestalt ungestört. Der Leichentisch aus Beton wurde zur Folterbank der Securisten. Darauf fesselten sie ihre Opfer mit Draht und folterten sie bestialisch zum Tode. Im Leichentisch haben sie ein Abflussloch gemacht damit das Blut der Gemarterten abfließen konnte. Erst nach Stunden war ein Schatten wieder zu sehen wobei jedesmal ein zweiter Schatten fehlte. Menschen, die diesen Schatten dann auch in die andere Richtung gehen sahen zweifelten nicht mehr, dass in diesem Friedhof etwas Schreckliches geschehen musste.

Verscharrt wurden die Leichen zumeist in den nächtlichen Stunden wo kaum oder auch gar kein Mensch auf dieser Straße verkehrt ist. Es dauerte aber noch eine gewisse Zeit bis diese Schandtaten entdeckt wurden. Bis dahin mussten viele ihren grausamen Tod im Folterhaus der Securitate erleiden. Inzwischen weiß man auch, dass die Securitate schon in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Menschen zu Tode quälte und auf diesem Armenfriedhof verscharrte. Mit Beginn der Unruhen in Temeschburg und auch während der Revolution scharrten die getreuen Geheimpolizisten des Diktators Ceausescu ihre Opfer in Massengräbern. Besucher auf dem jüdischen Friedhof, der nur durch einen Drahtzaun abgetrennt war, sahen auch, dass in dem total überwucherten Armenfriedhof etwas nicht stimmte. Die Toten verwesten scheinbar nicht schnell genug und somit musste dann auch noch ein nahe gelegener Ausweichplatz gefunden werden. Besucher des Friedhofs auf dem die Katholiken aber auch die Orthodoxen ihre Toten bestatteten, mussten im Laufe der Jahre des öfteren feststellen, dass zwischen den pompösen Marmorgrabsteinen frisch aufgewühlte Erde zu sehen war. Aber es herrschte die Angst die jedem den Mund verschloss. Nicht nur Besucher dieser Friedhöfe, sondern auch die Totengräber, denen die Sache mit Sicherheit aufgefallen ist, schwiegen, denn sie hatten Angst, dass sie die Nächsten sein könnten.

Erst nachdem festgestellt wurde was für bestialische Grausamkeiten in dem kleinen Leichenhaus von der Securitate vollbracht wurden suchte man nach den Leichen. Was in verschiedenen Gräber und auch in Massengräber gefunden wurde, erschütterte nicht nur die Bevölkerung Temeschburgs. Die schrecklichen Bilder gingen um die ganze Welt. Es waren Leichen mit ausgestochenen Augen, zertrümmerte Knochen, verrenkten Gliedmaßen, aber auch Frauen mit abgeschnittenen Brüsten und Männer mit abgeschnittenen Geschlechtsteilen. Auch Körper mit Säure versetzt waren dabei. Daneben ein verwester Frauenkörper mit einer Babyleiche auf dem Leib. Man hat auch Leichen gefunden bei denen unter den Augenlider und auch in den Atemwegen Erde gefunden wurde. Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass sie noch am Leben waren als sie begraben wurden, beziehungsweise lebendig begraben wurden. Auf dem Armenfriedhof sind vermutlich Hunderte, wenn nicht gar Tausende, bestialisch umgebracht worden. Die genaue Zahl wird man wohl nie feststellen können. Todesmeldungen an die Hinterbliebenen sind immer mit Wochen Verspätung geschickt worden. Wenn Hinterbliebene oder Verwandte überhaupt verständigt wurden, was ja oft nicht der Fall gewesen sein soll, dann stand nur ganz kurz „ er sei plötzlich und unerwartet eines natürlichen Todes gestorben“. Weitere Auskünfte oder sogar eine Beteiligung bei der Beisetzung waren nicht möglich.

(Literatur : „Ceausescu der Rote Vampir“ von Joachim Siegerist)​

 

 

Besuch des Monarchen
Anekdotisches aus Temeswar von einst
erzählt von Robert Glatt
 

​Nachdem Prinz Eugen von Savoyen die Stadt und Festung Temeswar erobert hatte, räumten am 17.10.1716 die Türkische Besatzung die Burg und die mohammedanischen Einwohner die Stadt. Das befreite Land, nach 166-jähriger Türkenherrschaft, wird selbstständige Domäne und der Verwaltung der Wiener Hofkanzlei unterstellt. Zum Gouverneur des Banats wird General Graf Florimund Claudius Mercy ernannt, mit Verwaltungssitz in Temeschburg. Auch wurde Temeswar zur Garnisonstadt ernannt und die Siebenbürger Kaserne erbaut. Der einstöckige Bau mit 483 Meter Länge galt seinerzeit als das längste Gebäude Europas.

Die Metropole an der Bega hatte die große Ehre, den Monarchen, Kaiser Josef II. im Jahre 1773 zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit wurde, mit der Einwilligung des Kaisers, das neuerbaute Stadtviertel an beiden Ufern der Bega, als Josefstadt benannt. Der Monarch besuchte auch die Domkirche zur heiligen Messe. Dafür hatte man einen Betstuhl für den Kaiser mit Kissen und Tapeten geschmückt. Als der Kaiser in den Dom kam und den Betstuhl sah, räumte er eigenhändig alles wieder weg und sagte: „Vor Gott sind wir alle gleich“. Während seines Aufenthalts in Temeswar, besuchte Kaiser Josef, der wegen seiner Leutseligkeit bekannt war im Lande, auch den Wochenmarkt in der Josefstadt. Dabei kommt er am Stand der Fratschlerin Kati Berwanger aus Freidorf vorbei und sieht einen Korb prachtvoller, rotbackiger großen Äpfel. Der Monarch fragt sie, woher sie diese schönen Äpfel habe, wahrscheinlich um solche zu erwerben. Zu seiner Überraschung sagt das Marktweib Berwanger: „Die sin vum Birnbaam“. Der Kaiser meint erstaunt: „ Das is doch nit möglich, liebe Frau, dass ein Birnbaum solche prächtige Äpfel trägt.“ Frau Berwanger klärt sodann auf: „Jo, Birnbaam is dr Name meines Nachbarn, der Bauer vun dem ich s´g´kaaft han um se weiderzuverkaafe.“

Kaiser Josef sagt weiter: „Ja, es gibt schon merkwürdige Dinge auf der Welt ! Was meint Ihr wohl, liebe Frau, wer seiner Mutter Kopf in der Tasche trage?“  Die Marktfrau meint dass dies doch nicht möglich sei. Der Monarch jedoch erklärt lächelnd: „Es is gar vieles möglich“ und zog einen Taler mit dem Kopf der Kaiserin Maria Theresia aus der Tasche. Da kam dem Marktweib plötzlich die Erleuchtung und sie wäre in den Boden versunken vor Scham, denn der Mann vor ihr konnte nur der Kaiser sein, vor dem sie eine tiefe ehrwürdige Verneigung machte. Dieser drückte ihr den Taler zum Andenken in die Hand und ging weiter.

Nach einer Fahrt mit der Kutsche durch den Jagdwald, kehrte der Monarch mit seinem Adjutanten in das Wirtshaus im Vorort Temeswars Neusentesch ein. Der Kaiser setzte sich an einen Tisch und ließ sich zwei gekochte Eier bringen. Als sein Adjutant bezahlt, vernimmt er zu seinem Staunen, daß die Wirtin zwei Gulden verlangt hatte. Lächelnd fragte der Monarch die Wirtin: „ Nun, meine liebe Wirtin, san die Eier hier so rar?“ Die Wirtin antwortete mit einem verschmitzten Lächeln: „ Die Eier nit, Majestät, aber die Kaiser“, und verneigte sich ehrwürdig vor ihrem hohen Gast. Der Kaiser quittierte mit einem Lächeln die geistreiche Begründung der Wirtin und brach auf.

„Babylonisches“ am Deutschen Staatstheater Temeschburg
von Dr. W. Alfred Zawadzki

Das DSTT(Deutsches Staatstheater Temeswar)ist nach wie vor eine öffentliche Einrichtung, die sowohl ihren Geldgebern als auch dem Publikum gegenüber in der Verantwortung steht. Diese Tatsache kann weder die jetzige Direktorin Frau Alexandra Gandi-Ossau, noch der Chef des kulturellen Kreisverbandes Temesch, Herr R@zvan Hrenoschi, außer Acht lassen. Frau Gandi, die seit kurzem ernannte „Managerin“ ersetzt im Spielplan nach und nach Deutsche mit Rumänischen Stücken und der Kulturreferent meint das Temescher Kreiskulturamt hätte sich nicht ums Repertoire des DSTT zu kümmern. Da sich allerdings BEIDE noch der Kritik des Publikums zu stellen haben, gibt es für unser  Temeschburger Deutsches Theater noch einige Funken Hoffnung.

Für all jene, die in der neuen Heimat nichts von all dem Hick Hack um das DSTT mitbekommen haben, einige Sätze zur Klarstellung: Seit Ende letzten Jahres wurde vom Publikum, Mitwirkenden, Mitgliedern des Temeswarer Deutschen Forums und Besuchern des Deutschen Theaters eine nicht zu vernachlässigende Tendenz festgestellt, Deutsche Veranstaltungen, inklusive Kassenknüller, wie Brechts „Mutter COURAGE“, aus dem Programm zu nehmen und mit rumänischen/ mehrsprachigen Inszenierungen zu „verwässern“, um angeblich die „Kassen“ zu füllen. Auch das Ausland wurde kräftig vor den Kopf gestoßen als im Januar 2002 eine Studentengruppe der Temeswarer Universität in Wien zwei Gastspiele mit dem Schnitzler-Stück „Der Reigen“, in rumänischer Sprache, aufführte. Obwohl es sich um eine Studentendarbietung handelte, und das Deutsche Staatstheater die Studenten logistisch, organisatorisch und bühnentechnisch unterstützte, erschien auf allen in Wien ausliegenden Ankündigungen und Info-Blättern unmissverständlich das Deutsche Staatstheater als Protagonist. Das Ausland protestierte auch prompt und energisch und bezeichnete das Missmanagement, berechtigt, als „eine nicht den Tatsachen entsprechende Ankündigung, Irreführung des Publikums und der Öffentlichkeit, als einen schlichten Missbrauch des öffentlichen Erscheinungsbildes einer traditionsreichen Rumäniendeutschen Kultureinrichtung im Ausland“.  Dank der Initiative einiger, vor allem im Ausland lebender Persönlichkeiten, wurden 57 Unterschriften gesammelt, ein „Plädoyer für das DSTT“ verfasst und an die Verantwortlichen gesandt. Daraufhin entstand eine sehr hitzige Debatte, die auch in den Temeschburger Medien sehr kontroverse Reaktionen auslöste.

Die Intendantin/ Managerin Alexandra Gandi-Ossau fühlte sich aufgrund des „Manifests“ kräftig auf den Schlips getreten und meinte sich nun mit einer Gegenoffensive aus der Verantwortung stehlen zu können. Sie „organisierte“ quasi ein „offenes Gespräch“, zu dem sie um genug Staub aufzuwirbeln, alle Medien einlud, den vereinbarten Termin allerdings so kurzfristig setzte, dass die weit weg wohnenden, meist ausländischen Kritiker, mit Sicherheit nicht Anwesend sein konnten. So schrieben dann auch die Zeitungen „spöttisch“, dass nur 4(vier) von 57 Unterzeichnern anwesend waren, als ob die jetzt alle „kalte Füße“ bekommen hätten und einem „offenen“ Dialog nun aus dem Weg gehen wollten. Initiator des „Plädoyers“ war Herr Benjamin Neurohr, der sich am meisten für den Erhalt der Temeswarer Deutschen Bühne eingesetzt hat. Ihm, allen Unterzeichnern und Intellektuellen, die sich dafür den Wind um die Ohren pfeifen ließen, gilt unser besonderer Dank! Laut einem Artikel aus „Evenimentul Zilei“, taten sich die vier Anwesenden sehr schwer gegen eine „Lawine“ aus Anschuldigungen und fadenscheinigen Rechtfertigungen  der Direktion anzukämpfen, die tief in die Tasche mit unfairen Methoden griff und , fast vergessene, gefährliche „Argumente“ ans Tageslicht kehrte. So wurde versucht die Petitionsunterzeichner mit Ausdrücken wie ,“deutscher als Goethe“, oder „übertriebenem Nationalismus“, „falsche Polemik gegen die rumänische Sprache“ und „ethnische Überheblichkeit“ in die Ethik-Schublade zu stecken und mangels sachlicher Argumentation, hinterrücks einzuschüchtern. Alle anwesenden Journalisten bestätigten die Ungleichheit der „Gesprächspartner“. Die meisten stellten auch mehr oder weniger traurig fest, dass während der ungleichen Debatte, an der auch Klaus Peter Marte, der Deutsche Konsul und viele Schauspieler teilnahmen, die Frage „QUO VADIS, DSTT?“ nicht beantwortet werden konnte.

Egal wie „professionell“(sie drohte sogar die Verantwortlichen des Plädoyers vor Gericht zu zerren!) sich Frau Gandi-Ossau nun aus dem selbstveranstalteten Irrgarten herausreden will, werden ihre Kulturpolitischen Fehlgriffe im Sinn und den Herzen aller daran beteiligten noch lange nachhallen. Auch wenn sie Fehler nicht eingesteht, auf Kritik beleidigt reagiert und somit eigentlich nur ihre Unbelehrbarkeit zum Ausdruck bringt, wird sie in Sachen Öffentlichkeitsarbeit einiges nachholen müssen. Die Nach Siebenbürgen und Bukarest abgesagte Herbsttournee mit Felix Mitterers Inszenierung „Sibirien“, die häufigen Vorstellungsverschiebungen, sowie die nirgends angekündigten Spielplanänderungen deuten nebst großen organisatorischen Missständen auf eine bisher nicht da gewesene kulturpolitische Orientierungslosigkeit hin. Die Zeit ist allerdings gnadenlos und wird sie eher früher als später mit den „Geistern, die sie rief“ erneut konfrontieren!

Der Sinn und Zweck des Deutschen Staatstheaters Temeschburg besteht nach wie vor darin professionelle Theateraufführungen in Deutscher Sprache zu bieten, vor allem wenn auch nicht Deutschkundige jedes Stück mit Rumänischer Simultanübersetzung genießen können. Gerade  heute, wo Europa mehr und mehr zusammenwächst, ist diese Kulturinstitution einer nationalen Minderheit von besonderem Wert, schlägt sie doch Brücken zu Kulturen und Sprachen die im gemeinsamen Europa zusammenfinden können und sollen!

Eines hat die Debatte auf jeden Fall, glücklicherweise, erneut unterstreichen können: die Bereitschaft der IFA-Koordination, des Instituts für Auslandbeziehungen Stuttgart, sowie der Donauschwäbischen Kulturstiftung, das DSTT weiter finanziell zu unterstützen. Es wird sich zeigen ob die im „Plädoyer“ angesprochenen Probleme in Zukunft berücksichtigt werden und ob es kulturpolitisch eine langfristig wirksame Lösung für unser Theater geben wird. Tatsache ist jetzt schon(selbst wenn man keine Management-Fehler eingesteht): „Mutter Courage“ wird wieder gespielt und der Anteil der Deutschen Aufführungen ist massiv gewachsen!

Temeschburg,   Der Rosengarten
von Andreas Hummler, Moskau
Impressionen eines Schweizer Touristen im Temeschburger Rosenpark

Vor ein paar Tagen hat man mich gefragt etwas über eine Reise nach Rumänien, im Osten des Landes zu schreiben. Erinnerungen? Ja, denn die Reise ist auch schon wieder mehr als 5 Jahre her. Und doch auch ein Schlüsselerlebnis das in gewissem Sinne mein Leben seither geprägt hat. Erinnerungen, aber auch an Vorkommnisse die weit zurückliegen.

1959, erste Sekundarklasse, zum ersten Mal Geographieunterricht, Europa, die große Wandkarte (Westermann’s) hängt im Schulzimmer. Bei Deutschland steht noch Deutsches Reich. Der Lehrer, Natter hieß er, versuchte uns Buben, - Mädchen waren zu der Zeit an dieser Schule noch nicht zugelassen -, klar zu machen, wie die beiden Ströme Rhein und Donau eben ausschlaggebend für die Gestaltung der Erdoberfläche in Europa sind. Donau ist dann das Stichwort und plötzlich wird die Stimme des Lehrers stockend und wir erfahren, dass er eben an dieser Donau, weit weg von der Schweiz, seiner Papierheimat, aufgewachsen ist. Wo genau kann ich nicht mehr sagen, aber das Wort Temeschburg kam dabei mehrfach vor. Später, bei den Pfadfindern sangen wir dann von den blauen Dragonern (in der Schweiz durfte man das noch oder schon wieder): Dunja, Dunja Tissa….

Wieder 10, 12 Jahre später, kalter Krieg war‘s, und in der Schweiz übte man ihn fleissig, wenn auch meist nur auf dem Papier. Die Roten hatten genug von dem kleinen Land an der Südflanke, das einfach nicht so wollte wie sie es gerne haben wollten. Und schon war die Manöveranlage gegeben um dann gleich auch noch dem Rest von Europa zu zeigen, wer die Macht hat. Oder zumindest zu haben schien. Plötzlich kamen nämlich neue Töne aus dem Osten. Vergessen waren sehr bald alle die, die es persönlich nicht mehr ausgehalten hatten oder aber von den damaligen Machthabern einfach hinausbugsiert wurden. Ja, es ging die Rede, dass man sogar dorthin reisen könnte. Ich traute dem ganzen noch lange nicht. Aber irgendwann kam sogar ich zu der Einsicht, dass dort auch Menschen leben könnten. Diese Wende zu vollbringen hat O. fertig gebracht. Es war beileibe nicht eine „Liebe auf den ersten Blick“. So langsam dämmerte mir, dass dort im Osten eben nicht nur Menschen lebten, sondern, dass sie, wie wir im Westen auch Städte und Dörfer haben, in Gemeinwesen organisiert sind. Heute muss ich gestehen, dass ich fürchterlich voreingenommen war. Gewiss, Geschichtsunterricht hatte ich gehabt und Zeitungen las ich auch immer, und doch war für mich alles was im Osten war, heute würde man sagen, virtuell.

Jetzt in einem Vorort von Karlsruhe, ein Schild an einer Haustür: Dr. med. vet. K. Str…, Universität Temeschburg; allerdings nach der ersten Impfung machte unser Hund immer einen großen Bogen um dieses Haus.

O. muss das alles gespürt haben und am 1. Mai 199.. ging die Reise los. Eben immer der Donau entlang: Wien, ungarische Grenze, warten an der rumänischen bis unser Freund und Chauffeur die Visa beschafft hatte. Und dann nur noch die weite Ebene. Bald war es Nacht und wir von tausend Kilometern Autofahrt müde. Lichter tauchten auf, helle Strassen, Strassenbahnen die fuhren. Dann ruhige, dunklere Quartierstrassen, dazwischen Bäume im vollen Laub, Häuserblocks. Das sollten nun die berühmten Plattenbauten des Ostens sein? Die sahen ja aus wie gewisse hochgepriesene Wohnquartiere in der Schweiz auch. Sicher, die Hauseingänge waren nicht so messingpoliert oder aluminiumprofiliert. Der Lift trug uns nach oben. Die Wohnung unterschied sich nicht von dem was ich gewohnt war. Oder war der Besitzer einfach zu wohlhabend und ich zu müde?

Der Blick aus dem fünften Stock über die hell erleuchtete Stadt war vertrauenerweckend. Und doch kam eine leichte Beklemmung auf, als ich hörte, dass vor vier Jahren in eben dieser Strasse scharf geschossen wurde. Putzlöcher auf dem Balkon deuteten die Spuren von Querschlägern an. Hier wurde mir zum ersten Mal so richtig klar, dass ich mitten in der Geschichte des neuen Europas stand.Und jetzt wurde soeben der Bericht der Europäischen Kommission über den Beitritt der östlichen Länder veröffentlicht. Er macht klar, dass die Menschen auch in Temesvar nicht nur aus dem Geschichtsbuch, sondern wirklich leben. Menschen, die eine Zukunft suchen und in der sie leben wollen. Ich glaube, das Geheimrezept dazu könnte im Rosengarten von Temeschburg gefunden werden.

Wenn man durch die Stadt spaziert –eigentlich würde ich gerne das Verb „flanieren“ verwenden, aber dazu ist sie einfach noch nicht wieder reif-, kommt man zwangsläufig auch in den Rosenpark. Angeordnet, wie es im ausgehenden 19. Jahrhundert einfach so üblich war, mit streng parallel laufenden, gekiesten Wegen, an den Seiten kleine, dunkelgrüne Buchsbüsche. Wege, die sich in Rotunden wieder vereinen und auftrennen. Um aber wieder auf den nächsten Weg zu gelangen muss man unter Rosenbögen hindurchgehen. Ich meine auch heute noch das Knirschen von sich leicht abwinkelnden Schuhen auf dem feinen, weiss-gelblichen Splitt zu hören. Man geht in eine neue, schmale Gasse, schaut links und rechts nach den Rosensträuchern. Einige sind sorgfältig geschnitten und zeigen die fetten, edelrosigen Triebe, andere tragen dünne Wildzweige mit grausam stechenden und kratzenden Dornen. An jenem 2. Mai blühen dort nur wenige Rosen aber man sieht dem Garten an, dass er gepflegt wird, teils mit Liebe oder aber auch, weil eine Stadtgärtnervorschrift dies vor langer Zeit mal vorgeschrieben hatte.

Mir war es, als ob heute, nach all den Jahren in denen es sonst nur wenig Liebe gab, plötzlich die Liebe wieder wichtiger geworden war. Eines ist ja ganz klar, ein Rosengarten muss ein Garten der Liebe sein, denn sonst würden dort keine Rosen gepflanzt. Oder können Sie sich einen Liebesgarten mit Sonnenblumenpflanzen, abwechselnd mit Strohblumen und mannshohen Maispflanzen vorstellen? Der Garten in Temeschburg ist aber ein Rosengarten! Und eben dadurch ist er ein Liebesgarten; ist es und wird immer dazu prädestiniert sein, den Menschen Liebe zu geben, sie Liebe zu lehren. Ich weiss nicht wer den Bau des Rosengartens angeordnet hatte, ich kenne den Gestalter nicht. Der aber hat, vielleicht bewusst, vielleicht unbewusst, gespürt, dass man einen Rosen-/Liebesgarten einfach in einer Stadt wie Temeschburg braucht und in einem Rosengarten braucht es Rosenbögen. Weshalb? Hier möchte ich den Zweck und die Bedeutung des Rosenbogens hervorheben: Die Dornen an den Innenflanken zwingen uns einfach uns ganz nahe an den Mitmenschen zu schmiegen, sich ganz bewusst der Nähe des anderen zu sein, ihm in die Augen zu schauen und der Bogen selbst macht klar, dass es oben auch noch etwas gibt. Ein Rosenbogen ist nicht ein Arc de Triomphe, sondern er ist viel intimer, lieblicher, liebesstiftender, vielleicht friedensstiftender. Es ist gut, wenn sich nach dem Rosenbogen der Weg wieder weitet, unser Blick kann sich dann wieder nach vorne ausrichten, vielleicht zum nächsten Rosenbogen hin, wo man sich noch näher kommen kann, bis die Herzen und die Körper sich nicht mehr trennen können. Denn, wenn auch versteckt von den dunkelgrünen, gezahnten Blättern, warten immer noch die spitzen Dornen um uns vor dem Ausscheren vom Liebespfad zu bewahren. Sollte ich vergessen haben zu sagen, dass man Rosen von den Rosenbögen auch abbrechen kann? Im Dunkeln! Mit den Fingernägeln den Stiel durchkneifen! Umschauen, ob nicht vielleicht jemand zuschaut. Der herbduftende Pflanzensaft trocknet dunkelgrün an den Fingern ein. Und dann der Liebsten ins Haar stecken und endlich darf man sich dann küssen. Dieses Gefühl gibt es eben nur im Rosengarten. Im Rosengarten von Temeschburg……

Am nächsten Tag dann die Fahrt nach Freidorf: niedrige, einfache Bauernhäuser, kleine Gärten, die Strassen ohne Asphalt und doch auch wieder eine Zurückversetzung in meine Kindheit: Spaziergänge mit meinem Grossvater durch Freidorf im Kanton Thurgau oder durch das Fürstenland zwischen Flawil und Schwarzenbach. Ich war jetzt in einem mir völlig fremden Land und doch irgendwie zu Hause. Besuch im Pfarrhaus, schon etwas heruntergekommen, aber die Kirchenbücher sind da, für mich zwar kaum lesbar, da die Eintragungen zum grösseren Teil in der alten deutschen Schrift gemacht wurden. Geburten und Sterbefälle, und dazwischen menschliche Schicksale von Auswanderern. Reich geworden sind wahrscheinlich nicht viele. Sie sind nach Osten gezogen, nicht immer freiwillig, mehrheitlich bestimmt durch sanften Druck aus den damaligen Fürstenhäusern. Von denen die nach Westen zogen spricht man mehr, warum eigentlich?

Einen Tag später der Besuch bei den Künstlern in Temeschwar. Bildhauer, Maler. Eine gewisse Traurigkeit spürt man aus den Werken heraus. Oft auch grauer leerer Raum oder Hohlräume hinter kleinen Öffnungen in monumentalen Statuen: ein Zeichen der Vergangenheit? Aber auch ein Bild mit Frauengestalten, die förmlich nach Liebe und Zärtlichkeit schreien. Dieses Bild musste ich haben, zutiefst war ich davon beeindruckt. Es ist für mich, auch wenn es heute nicht mehr in meinem Besitz ist, zum Symbol für mein heutiges Leben im Osten geworden. Der Rosengarten spielt darin bis heute eine ganz wichtige Rolle…...

„Die Blutzapfer“
eine authentische Geschichte, erlebt und aufgeschrieben von Emil Knöbl

Ich war drüben nicht nur ein leidenschaftlicher Jäger, sondern auch Fischer, am liebsten ein „wilder“ – d.h. nicht mit langweiliger Angel sondern mit dem Netz.
 

In den 60 er Jahren fuhr ich mit meinem Freund und „Eidgenossen“ Pepa nach Hadoni, bzw. an das Wasser am Dorfrand. Wir entblößten uns bis auf die Bade/Unterhose – nahmen eine Holzaxt, hauten ein paar stämmige Weidenäste ab, gingen unter die Brücke in den Schatten, aber auch um nicht so sehr gesehen zu werden (denkste!) um an die Äste das mitgebrachte Streifnetz zu befestigen. Lie nahm schon mal dasselbe und ging ins Wasser. Ich wollte soeben die Axt noch zum Auto tragen, als ein energisches „Stai, nu te misca!“ (Halt, beweg dich nicht) erschallte. Ich sehe auf und in etwa 20 m. Entfernung steht ein Milizist mit einem Automatikgewehr auf mich gerichtet. Nun folgt der Dialog in Deutsch, um nicht unnötig zu verlängern: „Wer bist Du?“ – Ich will zum Auto, (weißer Moskwitsch 403) um meine Papiere zu holen. Doch zwischen Auto und mir der Milizist! Der schreit, seine Stimme überschlägt sich: „Bleib stehen oder ich schieße!“ – „Mensch was jetzt doch, wie soll ich mich ausweisen, wenn ich nicht meine Papiere holen kann?“ – der Milizist lässt mich aber da nicht hin, weil er im Auto auf dem Rücksitz Gewehre liegen sah – ohne welche ich eigentlich auf solcher Art Ausflüge nie war.

​Der Milizist ist totenbleich, seine Lippen zittern: „Siehst du dort am Dorfrand die vielen Leute? Sie holten mich aus einer Sitzung, weil am Wasser unter der Brücke amerikanische Spione Kinder abfangen, sie töten um ihnen das Blut abzuzapfen, welches Sie für den Koreakrieg benötigen.“ Mittlerweile wurde mir langsam Angst und Bang, der Mann vor mir mit dem durchgeladenen, entsicherten Automat – äußerst nervös – ein kleines Zucken seines Fingers genügte um mich ins Jenseits zu befördern. Am Dorfrand standen einige Dutzend Leute bewaffnet mit Gabel, Sensen, Sichel und ähnliches. Wütend schrie ich: „Mensch wie kann man nur so dumm sein und so einen Blödsinn glauben?  Wenn ich das  deinem Chef dem General Taorescu sage, dann fliegst du aus deinem Posten. Außerdem du kennst doch hier den Pepa Vasile, der ist auch aus Hodoni! Jetzt hol schon endlich deinen Automat von meinem Bauch.“ Inzwischen hat sich auch Pepa zaghaft genähert und auf Paris  (So hieß der Milizist) eingeredet. Jetzt begann der Mann in blauer Uniform sich langsam zu beruhigen. Farbe kehrte in sein Gesicht zurück, aber die Kalaschnikow blieb weiter auf meinem Bauch gerichtet und zu Pepa gewandt: „Sag es ehrlich, Pepa, bist du bestimmt keine Geisel von diesem verdächtigen Subjekt? Du brauchst es mir nur zu sagen und keine Angst haben,  mein Automat ist geladen und entsichert – eine falsche Bewegung und ich hab ihn erschossen!“ Pepa konnte ihn beruhigen, die Spannung begann sich zu lösen, endlich senkte er seine Waffe. Der „Sef de Post“ Paris (alt Hodoner werden ihn sicher kennen) ging zu der bewaffneten Dorfbevölkerung sprach auf sie ein – endlich zogen sie ab... Er kam zurück und unser Held in blauer Uniform zog sich bis auf die Unterhose aus und zog mit uns das Streifnetz durch das Wasser.

Eine Woche später: Lie und ich kommen nach Biled (Jagdrevier) kehren bei meinem Onkel ein und der sagte beim Mittagtisch: „.. und gibt nur acht mit dem über die Felder streifen, vergangene Woche haben sie 2 amerikanische Spione in Hodoni beim Wasser am Dorfrand gefangen, die haben Kindern das Blut abgezapft, für den Krieg in Korea. Sie waren mit einem weißen Auto unterwegs, der Milizist hat sie gefangen genommen und sie sind auch schon erschossen...  Er brauchte lange, bis er uns glaubte, dass diese erschossenen amerikanischen Spione jetzt bei ihm zu Gast sind.

Nicht Schriftsteller – das Leben schreibt die tollsten Abenteuer!

Sozialistisches Weihnachtsgeschenk
Extravagante Schadenfreude einer multinationalen Kindergruppe aus dem Temeschburger „Tipografilor-Viertel“, der frühen siebziger Jahre.
von  Dr. W. Alfred Zawadzki

Die erste Wohnsilogruppe, die Mutter aller, als sozialistischen Wohlstand angesehenen Appartements, wurde mit kommunistischem Ehrgeiz, Mitte der 60-er Jahre, im Nordosten der Temeswarer Innenstadt aus dem Boden gestampft. Es waren damals noch  vierstöckige Ziegelblocks, die sauber verarbeitet, in Reih und Glied geschlichtet, alte, noch am Stadtrand verwaist gelegene Wohnhäuser einengten und in kurzer Zeit den Bereich zwischen Ostbahnhof und Popa-{apc@-Gefängnis mit „Leben“ erfüllten. Sie sollten, geschickt verknüpft, die neue Temeschburger Intellektualität mit der Arbeiterklasse beherbergen und somit eine der rumänischen Nomenklatura entsprechende Arbeits- und Wohnsymbiose zwischen Rumänen und  Mitnationalitäten schaffen. Dieses Viertel nennt sich auch heute noch „ZONA TIPOGRAFILOR“(die Zone der Drucker) da es auf dem Gelände der alten Stadtdruckerei errichtet worden war.

Geboren in der Elisabethstadt (Remus-Str. 7), in einem sehr schönen, allerdings total herabgekommenen Jugendstilhaus, mit ständigen Wasser-, Heizungs- und Nachbarschaftlichen Problemen,  wurde ich zum Blockbewohner, als meinen Eltern ein frisch fertiggestelltes Appartement in dem neuen Wohnviertel zugewiesen wurde. Es war damals tatsächlich ein Wohlstand, eine funktionierende Zentralheizung und ständig Warm-Wasser zur Verfügung zu haben. Für mich begann ein neue Ära. In den Wohnblocks um uns herum gab es viele neue Spielkameraden, die genau wie ich, auf Hochspannung programmiert, vor Ungeduld, Improvisationslust und Drang zum Tun zu bersten schienen. Es gab zwischen den erst vor kurzem fertiggestellten Wohnblocks keine Spielplätze. Wir nutzten allerdings alle Erdwälle, und ständig neu angelegte Baustellen, Betontreppen, Gerüste und Sandhaufen um unsere Energie abzubauen. Als souveräne Beherrscher der zwischen den Blocks herrschenden Unordnung, kristallisierte sich eine Sechser-Gruppe heraus, die zufällig je einen Vertreter  der in Temeschburg lebenden Nationalitäten beinhaltete: Mih@i]@ Dumitrescu, genannt „ITZ#“, ein Rumäne, Béla Lengyel, genannt BELUSCH, ein Ungar, Gabriel Birnholz, genannt SHLOMO, ein Jude, Victor Pavel, ein Halb-Russe,  Dusan Hassan Petrovici, genannt DUSCHKO, halb Türke, halb Serbe und ich, Fred Zawadzki, als Vertreter der deutschen Volksgruppe, selber fast schon binational, mit Siebenbürgisch-Sächsischen Eltern und einem Oberschlesischen Großvater.

Wir waren fast alle gleichaltrig, verstanden uns blendend und genossen die Andersartigkeit der Bräuche und Gepflogenheiten aus dem Elternhaus unserer Kameraden. Wir hatten alle den gleichen Erlebnishunger und ein unstillbares Verlangen nach ewig neuer kindlicher Selbstbestätigung. Im Gegensatz zu jetzt, war ich als Kind ein schlechter Esser. Da ich keine Geschwister hatte, fand meine Mutter früh heraus, dass ich im Beisein anderer Kinder Appetit und Freude an jedwelcher Mahlzeit hatte. So organisierte sie immer gemeinsame Jausen und Snacks, bei welchen meine Spielkameraden bei uns immer gerne gesehen waren und ich bei ihnen zu Hause auch. Wir waren in allem vereint: in Gut und Böse, in Liebe und Hass, zwischen den Blocks und in der Wohnstube. Wir ärgerten unsere Lehrer, Eltern und Nachbarn, freuten uns über die wenigen Spielsachen, die wir damals hatten, die, allerdings in der Gemeinschaft allen gehörten, teilten untereinander Süßigkeiten und/ oder eine seltene exotische Frucht und kamen bis auf einen „bösen“ Nachbarn mit allen gut klar. Da von einer demokratischen Gestaltung der zusammenzuwachsenden Bevölkerung in unserer Wohnsiedlung eh keine Rede sein konnte, wurde die soziale Verantwortung der verschiedenen  ethnischen Blockinsassen keineswegs dem Zufall überlassen. Mittendrin, zwischen die bunt gemischte Wohngemeinschaft, wurde, mit sozialistisch niederträchtigem Hintersinn, ein Block mit der Nr. B 4, nur mit Militär, Polizei und deren Familien bedacht, die eigentlich ein bespitzelndes Auge auf alle sich evtl. als Klassenfeind entpuppenden Nachbarn werfen sollten. Dies war einer der fatalen Konstruktionsfehler des „wissenschaftlichen Sozialismus“, der, obwohl von seinen Begründern nie eingestanden, mehr als alle anderen, das pompös angelegte kommunistische Projekt, Ende der achtziger Jahre – zumindest in Europa - grandios stranden ließ.

In diesem B 4-er Block hauste, unten links im Erdgeschoss, unser aller Feind,  ein Miliz-Oberst, der irgendeine Führungsfunktion im „Popa-{apc@-Gefängnis“ innehatte und sich voreingenommen, laut und von seiner eigenen Wichtigkeit überzeugt, auch unter seinen Blockinsassen unbeliebt gemacht hatte. Sein Name war Dumitru BUTURUG# ²). Er verkörperte das rumänische Paradebeispiel eines Betonkopf-Beamten: halbintelligent, knickrig, kleinkariert, von der Miliz-Schule mit einem geistigen Schnorchel ausgestattet, bohrend, oberflächlich grübelnd und ständig auf verhaltene Skepsis getrimmt. Er personifizierte die alles im Keim erstickende Persönlichkeitsbremse, den autoritätshungrigen Feldwebel, der stur, charakter- und  gewissenlos seine Opfer langsam und stückweise zermürbt,  alle Panzersafes öffnet und die Zungen löst. Wir störten ihn sichtlich mit unserem nachmittäglichen Fußballspiel und das Drama nahm seinen Lauf als eines Tages Itz@ ihm den Fußball in sein Leu}tean(Liebstöckel)-Beet hineindonnerte und etliche Stöcke abbrach. Buturug@ sprang sofort heraus, packte den Ball, schimpfte uns alle zusammen und sagte abschließend: „se confisc@!“ Es war Shlomos Ball, da seine Eltern aber öfters schon Krach mit dem Nachbarn hatten, der sich offen und lautstark gegen die Juden aussprach, bat er mich, als Sprecher der Gruppe, zu versuchen den Mann zu beschwichtigen und den Ball wiederzubekommen. Ich ging hin und noch bevor ich etwas sagen konnte verpasste er mir zwei Ohrfeigen mit den Worten: ..“s@ nu v@ mai prind aici, m@i idio]ilor!“. Viktor, der verlegen zwei Schritte hinter mir stand und nicht schnell genug weglaufen konnte, bekam einen Fußtritt und Duschko, der auch zum Beschwichtigungs-Komitee gehörte, kriegte eines mit dem neben dem Beet stehenden Rechen auf den Rücken.

Wir kannten seine Grobheit, da er fast täglich seine Ehefrau bei offenem Fenster verdrosch, seine Nachbarn aufs übelste beschimpfte und fast jeden in seinem Umkreis diktatorisch terrorisierte. Itz@s Mutter, vom Vater verlassen, lebte mit ihm und einer kleineren Schwester, im Appartement Vis-a-Vis vom Milizionär. Da ihre Seele ein trüber Tümpel voller Sehnsüchte und halb erfüllter Wünsche war,  trank Sie manchmal in ihrer Einsamkeit, Verzweiflung und Sorge, sich und die Kinder nicht durchzubringen und kam sich dadurch mit Buturug@ in die Quere, der sie öffentlich, lautstark als Säuferin beschimpfte und schon einige Male mit seinen, immer adrett vor der Haustür abgestellten Hauspantoffeln beworfen hatte.

Beluschs Eltern waren sehr Rumänen- und Obrigkeits-feindlich eingestellt und erzogen auch Ihre drei Kinder dementsprechend. Es gab bei Ihnen im Haus immer einen Grund über die „büdös-Olahok“, Miliz und Securitate zu schimpfen. Da sich eigentlich sehr viele Ungarn in Rumänien politisch benachteiligt fühlten, nachdem 1918, am Ende des ersten Weltkriegs, Siebenbürgen und zwei Drittel des Banats Ungarn weggenommen und Rumänien zugeteilt wurden - ein Anspruch darauf für die Ungarn aber immer bestehen bleiben sollte - wurde, auf Teufel komm raus, über alles was rumänisch war, gnadenlos geschimpft. Zu dieser Zeit erzählte man sich folgenden Witz über die Rumänen und die mitwohnenden Nationalitäten: Am ersten Mai, dem Tag der Arbeit, der in Rumänien, sozialistisch korrekt, mit einem huldigenden Aufmarsch der Arbeiterklasse „gefeiert“ wurde, sollten drei große Aufmarschgruppierungen gebildet werden. Zuerst die Rumänen mit Partei- , Propaganda-Inschriften und Ceausescu-Bildern, danach die Ungarn mit geballten Fäusten, Knüppeln und Messer und zuletzt die ausreisewilligen Deutschen mit den Koffer!

Folgende Szene hat in meiner damaligen Kinderseele einen bleibenden Schatten hinterlassen und meinen Hass auf die Obrigkeit, personifiziert im Oberst Buturug@, aufs äußerste geschürt. Die Lengyels bewohnten eines der noch zwischen den Blocks verbliebenen Häuser und hatten einen schönen Hof mit Aprikosen-, und Quittenbäumen. Obwohl Beluschs Mutter ab und an mit mir sauer war, durfte ich als Kumpel ihres Sohnes oft bei Ihnen das wunderbarste Ungarische Gulasch essen. Die Anju(Mutter), war Hausfrau und hatte ihre drei Kinder fest im Griff. Seine beiden kleinen Schwestern waren sehr lieb und spielten oft bei uns mit. Jeden Mittag um 12.00 Uhr, pünktlich als die Glocken lange und dumpf von der nahen Domkirche läuteten, ging das Küchenfenster auf und die Mutter rief mit einer piepsigen, sopranartigen Stimme, in einer Frequenz die einem bis ins Rückenmark hereinschoss:  „Belusch, Erzsi, Pipike, - gyertek ebédelni!(also, kommt Mittagessen)“ Da sich das Schauspiel täglich wiederholte, nahmen wir das aufgehende Fenster zum Anlass unsere Aktivitäten kurz einzustellen, auf die Namenspiepsung zu warten und dann alle im CHOR, inklusive Belusch, „...gyertek ebédelni“ zu grölen und nachher wie die Verrückten zu lachen. Da ich immer der Anstimmer des Chors war, drohte mir die Mutter jedes mal vom Fenster mit ausgestrecktem Zeigefinger und sehr amplitudenreichen Armbewegungen. Außerdem organisierte ich zur Aprikosenzeit eine Plünderung der grünen Aprikosen aus dem Hof, die wir als Kinder, zum Schrecken der älteren Generation, am liebsten aßen. An einem dieser Mittagstische, als ich – zufällig bei den Lengyel–Kinder eingeladen -  sorgenfrei, mit dem frischen Weißbrot mein Lieblings-Gulasch austunkte, wurde die Einganstüre mit lautem Krachen eingetreten. Buturug@ und zwei Adjutanten in Miliz-Uniform stürmten in die Küche, packten Beluschs Vater und während sie auf ihn einprügelten, zerrten sie ihn in einen vor dem Hof parkenden Kleinbus, schoben die schreiende Mutter beiseite und fuhren mit kreischenden Reifen fort. Das Geräusch der berstenden Türe, die Hiebe auf den Kopf von Beluschs Vater und die Schreie der Mutter hallten noch lange in meinen Ohren.  Später erfuhren wir, dass ein Arbeitskollege Vater Lengyel seit längerem bespitzelte und ihn bei der Partei wegen seinen Rumänen-feindlichen Äußerungen angezeigt hatte. 

Auch Shlomos Eltern waren  schon mit dem Milizionär in Konflikt geraten. Sie kauften von der gut organisierten Temeschburger jüdischen Gemeinde etliche Nahrungs- und Genussmittel, vor allem Weine und Cognac, die sie dann mit großem Erfolg an die Delikatesshungrigen Bürger – mit Profit, versteht sich -  weiterverkauften. Shlomo kam an einem Sonntag morgen weinend, ganz verstört zu uns gelaufen, da Buturug@ mit der Öko-Miliz bei Birnholzs eine Hausdurchsuchung  unternahm. Ich erzählte meinen Eltern selbstverständlich all diese Geschehnisse und mein Vater, obwohl auch immer kämpferisch eingestellt, mahnte zur Vorsicht. Er meinte, wir als deutsche Minderheit, seien in Wirklichkeit nur geduldet und könnten uns in Rumänien mit Fleiß, Beharrlichkeit und etwas Zurückhaltung den Respekt  der einheimischen Bevölkerung verdienen.

Ich dürfe mich aber auf keinen Fall in Konfliktsituationen begeben, die irgendwie politisch oder, auch nur andeutungsweise, regimekritisch ausgelegt werden könnten. Ich lernte die Russlanddeportation meines Großvaters richtig einzustufen, mir wurde die B@r@gan-Verschleppung unserer Landsleute visualisiert und um das Gräuel der 50-er Jahre besser zu verstehen, ging mein Vater mit mir die Popa-{apc@-Straße(die mit Kastanien gesäumte Allee an deren Ende sich das POPA-{APC#-Gefängnis befand) etliche Male auf und ab bis ich die Sträflinge in ihren grau-weiß gestreiften Klüften, mit ausgemergelten Gesichtern, unter der Plane der Gefängnis-LKWs sah, die tagtäglich zur Zwangsarbeit hin und hergefahren wurden. Mein Vater hat viel auf mich einreden müssen, bis mein damaliger Kindskopf verstand, dass zwischen einem normalen Verbrecher und einem politisch Inhaftierten, im Knast, kein Unterschied bestand.

Ich hatte als Kind schon einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn der, ungeachtet der mir eingetrichterten Vernunft, meinem Temperament entsprechend, ab und an ausbrach um das zu tun was ich für RICHTIG empfand. Nach den ungerechtfertigten Ohrfeigen und dem Verlust unseres so geliebten Balles, als Sprecher unserer Kameradengemeinschaft, entschied ich kurzerhand, der Obrigkeit eins heimzuzahlen. Buturug@ besaß einen alten Moskwitsch 407, mit dem er eigentlich mehr Ärger als Freude hatte, von dem mein Vater immer abschätzend behauptete, er sei eine „Schande der Automobiltechnik“. Wenn Buturug@ nachmittags heimfuhr, standen wir manchmal auf unseren Balkonen  und warteten auf ein witziges, sich immer wiederholendes Schauspiel. Als er ausstieg und seine Tür zuknallte, gingen im Moskwitsch mindestens zwei weitere Türen auf. Als er die dann zuwarf, öffnete sich der Kofferraumdeckel und es dauerte eine Weile bis  das Auto unter den lauten Fluchen des Oberst endlich abgeschlossen werden konnte.  Unsere Siedlung gelegen an der Vasile-Lucaci-Straße mündete in die Popa-{apc@-Straße, die ca. 700m lang eine herrliche Kastanienallee abgab. Im September/ Oktober sammelten wir tagelang die reifen abgefallenen Kastanien ein und bildeten einen Vorrat für unsere ab und an einzusetzenden Wurfgeschosse, die in Viktors Garage aufbewahrt wurden. Wir suchten sieben kleinere Kastanien aus und ich stopfte sie der Reihe nach in Buturug@s Auspuff. Als er am nächsten morgen den Wagen starten wollte, gab es nur röchelnde Geräusche und nach etlichen Anlass Versuchen einen heftigen Knall und mächtig viel Rauch. Mehrere Nachbarn rannten auf die Straße und stellten mit Genugtuung fest, dass sich der verrostete Auspuff des Moskwitsch vom Wagen verabschiedet hatte und rauchend auf dem Fahrweg lag. Ab dann hatten wir mit ihm einen offenen Konflikt. Er kassierte unsere Bälle, wir seine Agrikultur oder sein Auto. Er trommelte mit Ohrfeigen, Fäusten und Fußtritten auf uns ein, wenn er uns zu fassen kriegte. Das ging bis in den Winter hinein als Buturug@ eines Tages ganz stolz mit einem neuen, schneeweißen Moskwitsch 408 anfuhr und ihn seiner gar nicht begeisterten Familie mit Hochmut vorführte.

Es folgte die Vorweihnachtszeit, die zwar im Sozialismus ziemlich leise, aber trotzdem respektvoll gewürdigt wurde. Die Militärs und Milizionäre aus dem B4-er Block durften zwar nicht, feierten aber Weihnachten genau wie wir alle. Der rumänische sozialistische Anstand lehnte aus politischen Gründen die religiöse Weihnachtsfeier ab und bestand auf eine sachliche Jahresendbekundung am 30. Dezember die sie demagogisch „Pomul de iarn@ (den Winterbaum)“ nannten, wo eigentlich eine kommunistische, verlogene Jahresbilanz gezogen wurde und die Nomenklatura sich gegenseitig „Diplome“ verabreichte. Um den Anschein zu erwecken sie warteten auf ihr sozialistisches Fest, stellten die militärischen Schlaumeier, vor Heiligabend,  je eine kleine Tanne auf den nach außen sichtbaren Balkon, obwohl der bereits geschmückte Weihnachtsbaum in der Abgeschlossenheit des sozialistischen Appartements weilte. Die fahlen Gespenster des Klassenkampfs hatten auch Ferien und durften trotz bewährtem ideologischen Fundus ein Auge für die religiös getrübte Urteilskraft zudrücken. Für unsere Kinderseele, begann, mit Ausnahme der langen Sommerferien, eigentlich die schönste Zeit im Jahr. Ob rumänisch, ungarisch, serbisch oder deutsch, jede Familie pflegte mit Andacht die so ereignisreiche Adventszeit, in der sowohl in Schulen als auch in den Fabriken und Büros, Feiertagsstimmung herrschte. Das Banat, die in den Siebzigern eigentlich rumänische Vorzeigeregion, war aufgrund seiner stark ethnisch, vor allem deutsch durchwachsenen Bevölkerungsstruktur, nach dem Krieg immer politisch unterdrückt und kulturell diskriminiert worden. Das einzig Dauerhafte im Sozialismus war der Mangel an Beständigkeit. Obwohl auch ökonomisch stark ausgebeutet, ging es allen Banatern, nicht zuletzt wegen ihres Fleißes, trotzdem gut. In jedem Haushalt gab es  - damals noch - genug zu essen und an Feiertagen, vor allem aber in der Weihnachtszeit, „bogen sich die Tische“, trotz desaströser Wirtschaftslage, politischer Korruption und allgegenwärtiger Vetternwirtschaft.

Der herrliche Ablauf der Jahreszeiten steigerte sich in seine vierte Phase, mit dem dazugehörigen Nebel, Schnee und Frost. Das Wunder vom Werden, Wachsen und Vergehen hatte erneut, unübersehbar um uns eingesetzt und keine noch so verhasste Obrigkeit vermochte es aufzuhalten. Mit kindlicher Begeisterung den ewigen Kreislauf der Schöpfung auskostend, zogen wir mit unseren Kumpels abends von Haus zu Haus und bekamen überall was zu futtern. Bei Duschko, dessen Mutter eine Türkin aus Ada-Kaleh war, gab es 5 Arten türkischen Honig ,den sie Blech-Weise, frisch aus dem Ofen zog und uns kaum davon abhalten konnte unsere Finger und Münder zu verbrennen. Außerdem gab es soviel Backlava , dass ich mich heute frage wie wir eigentlich dem glykämischen Schock entronnen sind. Bei uns zuhause gab es immer die herrlichsten Weihnachtsplätzchen und meine Mutter machte uns an Samstagen mit Käse gefüllte Kipfel. Am Sonntag morgen wartete ich immer ungeduldig auf den mürben Gugelhupf und eine Tasse heiße Schokolade. Shlomos Mutter hatte in dieser Periode immer ein volles Haus, da man nun die besten Geschäfte machen konnte. Wenn wir bei Birnholzs waren, wurden wir zur Oma Klari ins Hinterzimmer abgeschoben, die immer auf ihrem alten Ledersessel thronte, zwischen unendlich vielen Matzäs-Schachteln, ihre würzigen Zigarillos rauchte und ihren Liebling Shlomo mit seinen dazugehörigen Kameraden an Sonntagen  - eigentlich sehr großherzig - ein kleines Stamperl süßen Ashkalon-Wein trinken ließ. Bei Viktor meldete sich im Dezember immer die russische Verwandtschaft, die Unmengen Halva, fürchterlich süß riechendes Parfüm und ganze Berge voll Sowjetischen Winterkitsch mitbrachten. Bei Belusch gab es Kürtös-Kalács , sehr feinen Eierlikör und Itz@ sagte uns immer er hätte ein schlechtes Gewissen, da er uns nie zu sich einlud, weil seine Mutter wieder zu viel getrunken hatte. Zu unserer großen Freude, gab es in dem betreffenden Jahr einen kalten Winter, mit viel Schnee und Glatteis. Wir waren stolz auf unser Improvisationstalent, wollten es allen zeigen und bauten auf einer kleinen Anhöhe, zwischen der Parkplatzbegrenzung und einem metallischen Feuerwehrhydranten, die schönsten Schneemänner. Eigenartigerweise waren unsere Kunstwerke am nächsten morgen immer eingestürzt. Das ärgerte uns maßlos und wir beschlossen der Reihe nach Wache zu schieben um den Täter zu erwischen. Als Itz@ Schicht hatte, sah er Oberst Buturug@, wie er mit dem Heck von seinem neuen Moskwitsch so einparkte, dass er unseren Schneemann einstürzen ließ. Wir glaubten es anfangs nicht und warteten alle am nächsten Abend bis Buturug@ wieder kam und tatsächlich, mit boshafter Absicht unseren Schneemann zertrümmerte. Shlomo lud uns zu sich ein und organisierte kurzerhand einen Krisenstab. Es war der 23. Dezember, er brachte uns jedem eine Jaffa-Orange und fragte mich mit ernster Miene: „...neam]ule, ce facem acuma (Du, Deutscher, was machen wir jetzt)?“ Ich überlegte nicht lange und mein Hass auf Buturug@ wies uns den richtigen Weg. Ich schlug vor den größten, reich bestücktesten und am stärksten ins Auge stechenden Schneemann AUF den am Parkplatz stehenden Feuerwehrhydranten zu bauen. Vielleicht ließ sich unser gieriger Milizionär zu einer weiteren Boshaftigkeit verleiten die ihn dann allerdings teuer zu stehen kommen sollte. Meine Kumpels waren begeistert und Itz@ meinte wenn diese Sache klappte, wäre es sein schönstes Weihnachtsgeschenk überhaupt.

Nachts konnte ich vor Planungseifer kaum schlafen. Wir brauchten viel Schnee und womöglich einen Blech-Eimer, um ihm dem Schneemann als Haube auf den Kopf  zu setzen, der dann auch beim Aufprall mit Getöse herunterfallen und auch die Nachbarn auf Buturug@s Niederträchtigkeit  hinweisen sollte. Unsere Block-Putzfrau war eine junge, hässliche und fürchterlich faule Zigeunerin, die den ganzen Tag in der Haustür lümmelte und immer genüsslich an einer Zigarette ohne Filter sog. Sie hatte grausame „O“- Beine und vor allem die Unterschenkel winkelten sich vom Knie herunter sehr stark nach innen. Da die  hinteren Räder einer „SKODA“(ein tschechisches Automobil) genau so nach innen abgewinkelt standen, nannten wir sie spöttisch: „die Frau mit den Skoda-Füßen“. Sie trug sowohl im Sommer als auch im Winter Haus-Schlappen, die sie aus Faulheit nur hinterher schlurfte und ein typisches Geräusch verursachte, das uns auch bei geschlossener Haustür die Einsicht bescheren sollte sie sei „bei der Arbeit“. Ab und zu besuchte sie ein junger Zigeuner, der ihr, um sie bei Laune zu halten,  immer Zigaretten mitbrachte und letztlich – wahrscheinlich als Weihnachtsgeschenk – einen brandneuen, vollverzinkten Metall-Eimer schenkte. Da sie all ihre Sachen immer unter der Treppe abstellte, war es kein Problem den besagten Eimer für unsere Zwecke zu missbrauchen.

Es wurde tatsächlich ein prächtiger Schneemann, der auf dem Hydranten konstruiert, viel stolzer, größer und wuchtiger wirkte. Er hatte Kohle-Briketts als Knöpfe, Kieselsteine als Zähne, eine riesige Karotte als Nase, einen Besen als Arm und die leuchtendste Kopfbedeckung in Form eines Eimers. Da nicht alle an der Straße wohnten, teilten wir uns auf - zu zweit auf je drei Balkone -  um ja nicht Buturug@s Ankunft zu verpassen. Viktor war bei mir, Belusch bei Shlomo und Duschko bei Itz@. Wir warteten schon ziemlich lange und froren uns einen ab auf dem Balkon, als gegen 18.00 h, etwas später als sonst, der Oberst mit dem Moskwitsch auf den Parkplatz einbog. Da es draußen dunkel war, leuchteten von überall die Kerzenlichter. Auf der menschenleeren Straße tönten aus allen Häusern Weihnachtslieder, zwischen den Blocks hing ein herrlicher Duft nach gebackenem Teig, Vanille und Zimt und wir fieberten ungeduldig unserem Ziel entgegen. Enttäuschung kam auf als wir sahen, dass Buturug@ normal einparkte und ich dachte schon die ganze Anstrengung sei umsonst gewesen, als auf einmal der Oberst, sichtlich nervös, den Motor neu startete. Er muss wahrscheinlich im vorbeisausenden Lichtkegel, den leuchtenden Eimer auf dem Wahnsinnsschneemann erkannt haben. Um es irgendwie zufällig aussehen zu lassen, zertrümmerte er die Schneemänner meistens mit der dem neuen Moskwitsch charakteristischen klobigen Heckflosse. Diesmal aber schätzte er, in Anbetracht der stolzen Größe,  mehr Kraft zu brauchen und entschied sich für den Bug. Da er meinte, auf der leeren Straße, unbeobachtet zu sein, nahm er unverschämt viel Anlauf und sauste mit dem russischen Blechschiff frontal in den Schneemann. Es gab ein fürchterliches Getöse. Der neue Moskwitsch war nach dem Aufprall einen halben Meter kürzer, der Eimer zertrümmerte die Windschutzscheibe und Wasser schoss ein Stockwerkhoch aus dem herausgerissenen Hydranten. Buturug@, der gleich ausgestiegen war,  hielt sich die anscheinend angeschlagene Birne und starrte fassungslos auf seinen zerbeulten Schlitten, der von oben mit einer Fontäne übergossen wurde. Da es draußen Minusgrade gab, bildete sich sehr schnell eine riesige Eispfütze und Leute, die vom Krach aus ihrer Weihnachtsandacht gerissen wurden , kamen herausgeeilt und lachten ausgelassen dem verdutzten Oberst ins Gesicht. Obwohl die eingeschüchterte Bevölkerung der Obrigkeit gegenüber immer „kuschen“ musste, zeigte sie in so einem Fall trotzdem offen ihre nicht mehr zu unterdrückende Schadenfreude. Es dauerte ein Weile bis die Angestellten der Stadtwerke ankamen um das herausschießende Wasser abzudrehen und den zerstörten Hydranten abzubauen. Es gab im ganzen Viertel einen Riesenmenschenauflauf und ein wahrhaftig babylonisches Stimmengewirr am Heiligen Abend. Und das alles auf unserem Parkplatz! Wir waren selber vor den Kopf gestoßen, dass unser Plan besser als vorgesehen funktioniert hatte und kriegten schon fast ein schlechtes Gewissen. Da es draußen so kalt war, scheuchte uns meine Mutter zurück ins warme Zimmer und wir durften erst zwei Stunden später wieder auf den Balkon. Die Basaratmosphäre hatte sich gelegt, die Straße war wieder leer, nur Itz@ und Duschko, noch immer am Fenster, winkten uns symbolisch mit einer angezündeten Spritzkerze und signalisierten unseren Sieg.

 

Ich schaute hinauf in den friedlich behangenen Nachthimmel. Es schneite ganz dicht und die Flocken fielen leise auf die Reste unseres eingestürzten Schneemanns.

²) Nachname geändert.

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letzte Aktualisierung: 13. November 2019

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